Organspender auf zwei Rädern

 

von Johannes Hinrich von Borstel

Ein Idyll

Ich bin im Clausthal-Zellerfeld aufgewachsen. Der Oberharz – ein Mekka für Motorradfahrer – die die wunderschöne Landschaft genießen oder den Thrill der rennstreckenähnlichen Serpentinen in in der Region erleben wollen. Ein Full-Time-Job für die Rettungsdienste, die während der Saison nahezu täglich zu Verkehrunfällen mit Motorradbeteiligung alarmiert werden. Was aber kann man tun, wenn man als Privatperson Zeuge einer solchen Szene wird? Sind die „Organspender“ selbst Schuld? Erleben Motorradfahrer im Ernstfall ganz zu Recht die Folgen einer riskanten Zweirad-Fortbewegungmethode? So viel sei verraten: NEIN! Das tun sie nicht.  Und ein Punkt steht fest: Der Helm muss ab! 

Penisprothese – Eine Geschichte

Ich fahre im Sommer mit meinem Wagen durch den Harz und befinde mich auf einer meiner Lieblingsstrecken. Gerade zu dieser Jahreszeit ist es hier besonders schön. Die Fenster weit runtergekurbelt genieße ich die fichtenduftgeschwängerte Harzluft, die mich so an meine Kindheit erinnert, höre dabei laut Musik und wünsche, dass diese Fahrt ewig andauert. Mein Fortbewegungsmittel: Ein übermotorisierter Zweisitzer mit endlos langer Motorhaube, den eine Freundin von mir einst verächtlich „Zahnarztgattinenauto“ taufte. BOAH! Das habe ich ihr übel genommen. Scheinbar bin ich, wenn es um meinen Wagen geht, ein klassisches Beispiel für einen spießigen Klischeedeutschen. Beleidige meine Karre und Du beleidigst mich. Schließlich ist mein Auto für mich so viel mehr, als nur eine Penisprothese auf vier Rädern. Auf jener Fahrt spielt das alles aber keine Rolle. Während ich meinen silbernen Gefährten wie ein Go-Kart durch die Kurven jage, tönt den Lautsprechern die Band Steppenwolf mit „The Pusher“. Mein ganz persönlicher Easy-Rider-Moment.

 

Auf meine Verantwortung

Doch plötzlich – ich habe den Scheitelpunkt einer meiner Lieblingskurve gerade überwunden und freue mich auf die kommende Gerade – erregt Warnblinklicht meine Aufmerksamkeit. Wenige hundert Meter vor mir blockieren Autos die Straße. Ich werde langsamer und erkenne die ersten Karosseriebruchstücke, die die Straße säumen. Doch von Blaulicht bisher keine Spur. Ein Mann in Warnweste kommt mir mit einem Warndreieck in der Hand entgegengelaufen. Ganz klar: Hier hat vor wenigen Momenten, wie so oft auf dieser Strecke, ein Unfall stattgefunden. Ich habe gelernt in solchen Momenten blitzschnell umzuschalten. Aus dem entspannten Easy-Rider-Borstel wird der konzentriertere Rettungssanitäter-Borstel. Trotzdem pocht mein Herz.

Ich sehe ein lädiertes Auto, an der Leitplanke ein total demoliertes Motorrad, das offensichtlich mit ziemlicher Wucht in das Auto eingeschlagen ist. Ich komme am Straßenrand zum stehen, steige aus und laufe auf die Unfallstelle zu. Mehrere Menschen wuseln aufgeregt um einen Mann herum, der regungslos auf der Straße liegt. Er trägt eine Motoradkombi und noch seinen Helm. Bei mir schrillen die Alarmglocken.

Ich steuere zielstrebig auf den bewusstlosen Motorradfahrer zu. Als ich ihn erreiche, stelle ich mich den wuselnden Menschen vor. „Hallo, ich bin Rettungssanitäter.“ Mehr muss ich nicht sagen, damit die Umstehenden mir sofort Platz machen. Erste Blickdiagnose: Der rechte Unterschenkel des Motorradfahrers zeigt in die falsche Richtung: Das rechte Bein ist gebrochen. Der rechte Arm sieht so aus, als hätte er ein paar Gelenke zu viel: Wahrscheinlich auch gebrochen. Alles in allem scheint es die rechte Körperhälfte deutlich schlimmer erwischt zu haben, als die linke.

„Hat schon jemand einen Notruf abgesetzt?“, rufe ich in die Runde.

„Ich habe gerade angerufen!“, kommt prompt die Antwort.

„Gibt es andere Verletzte?“

„Nein!“

Ich suche mir die erstbeste Person aus den Umstehenden aus: „Ich brauche Ihre Hilfe, kommen Sie bitte hierher, zu mir!“ Die Dame, ihr Name ist Astrid, kniet sich neben mich. Einen älteren Herren bitte ich, den Erste-Hilfe-Kasten aus seinem Wagen zu holen.

Nun rüttele ich an der Schulter des Motoradfahrers und frage laut, ob er mich hören kann. Keine Reaktion. Er ist nicht bei Bewusstsein. Ich öffne sein Visier und kontrolliere die Atmung. Puh! Er atmet noch. Wenigstens das. Ich drehe mich zu Astrid um: „Der Helm muss runter. Wir nehmen jetzt gemeinsam seinen Helm ab. Keine Sorge, ich erkläre Ihnen genau, was Sie dabei tun müssen.“ Sie blickt mich schockiert an, nickt aber. „Setzen Sie sich an seinen Kopf mit Blickrichtung zu den Füßen.“ Astrid zögert kurz. „Bitte jetzt.“, sage ich bestimmt. Ich mag diesen Befehlston normalerweise nicht, aber in Situationen, in denen so viel Druck auf die verunsicherten Beteiligten einprasselt, sind klare Anweisungen der Schlüssel zum Erfolg. Ich knie mich neben Astrid an das Kopfende und mache es vor. „Umfassen Sie das Kinn und den Helm so.“ Während sie den Kopf fixiert gehe ich wieder neben den bewusstlosen Motorradfahrer und beginne den Helm zu öffnen. Ein frickeliges Unterfangen, aber es gelingt. Der Helm ist offen.

Plötzlich höre ich von hinten einen Zwischenruf: „Um Himmels willen lassen Sie den Helm drauf.“ Der ältere Mann ist mit dem Erste-Hilfe-Kasten zurückgekehrt. „Lassen Sie den Helm drauf! Sonst stirbt er!“

„Blödsinn!“, sage ich. „Der Helm muss in jedem Fall runter! Bitte geben Sie mir den Erste-Hilfe-Kasten.“

„Na wenn Sie meinen. Aber auf Ihre Verantwortung.“

„Natürlich!“, sage ich ein wenig entnervt darüber, dass mir schon wieder diese „Urban-Legend“ begegnet, dass der Helm drauf bleiben muss. Dieser Irrglaube hält sich wacker. Und das Schlimmste: Er kostet Leben!

1. Der Helm muss bei bewusstlosen Motorradfahrern immer abgenommen werden!

2. Der Rettungsdienst hat keine „speziellen Geräte“ dabei, die eine sicherere Helmabnahme möglich machen.

3. Kommt der Helm nicht runter, droht der Erstickungstod!

Während ich den Kopf und Hals umfasse, zieht Astrid den Helm behutsam vom Kopf. Ich versuche unterstütztend zu navigieren: „An der Nase bleibt man leicht hängen. Neigen Sie den Helm etwas nach hinten.“ Wir schaffen es, den Helm ohne größere Probleme zu entfernen, ich bitte sie, den Helm neben sich zu legen und den Kopf, der in meinen Händen immer schwerer wird, wieder zu übernehmen. Denn jetzt müssen wir den Bewusstlosen in die stabile Seitenlage legen. Warum?

Wenn man bewusstlos ist, dann besteht die Gefahr, dass Erbrochenes aufsteigt und in die Atemwege gelangt. Daran kann man ersticken. Bei der Seitenlage ist das Ziel, dass der Mundwinkel der niedrigste Punkt ist und Erbrochenes aus dem Mundraum abfließen kann. Trägt der Bewusstlose einen Helm, ist es nicht möglich, den Kopf so abzulegen, dass der Mundwinkel der niedrigste Punkt ist. Erbrochenes kann dann nicht abfließen und es droht die Gefahr zu ersticken. Und um die Atmung bei diesem Motoradfahrer bestmöglich zu unterstützen drehen wir ihn auf die rechte, also lädiertere Körperhälfte. Warum das?

Ist beispielsweise ein Lungenflügel (wir haben einen auf der linken und einen auf der rechten Seite) in sich zusammengefallen, kann man ihn nicht mehr zum atmen nutzen. Der Bewusstlose soll lieber mit seinem Körpergewicht auf dem beschädigten Lungenflügel liegen, als auf dem evtl. noch gesunden. Würde der gesunde Lungenflügel vom Körpergewicht zusammengedrückt werden, würde es die Atmung nur noch weiter erschweren.

Der erhöhte Schwierigkeitsgrad in diesem Fall. Bei diesem Motoradfahrer soll der Kopf nicht zur Seite geneigt werden, um potentielle Wirbelsäulenschäden nicht noch zu verschlimmern. Während ich also den Motorradfahrer langsam auf die Seite rolle, dreht Astrid den Kopf achsengerecht mit. Eine Helmabnahme inklusive Seitenlage, wie aus dem Lehrbuch!

Der Motorradfahrer ist in der stabilen Seitenlage. Ich überprüfe erneut die Atmung – sie ist nach wie vor vorhanden – und öffne den Erste-Hilfe-Kasten auf der Suche nach einer Schere. Ich will mir die verletzten Arme und Beine ansehen. Ich finde zwar eine Schere, aber die ist so stumpf, dass ich die Motoradkombi damit nicht aufschneiden kann. Doch dann ein erlösendes Geräusch. Im Hintergrund höre ich mein Lied. Und es wird immer lauter. Tatüüü-Tataaa-Tatüüü-Tataaa. Der Rettungsdienst kommt.

Geschafft!

Wenige Minuten später sind wir erlöst. Der Rettungsdienst und der Notarzt haben die Situation komplett übernommen. Astrid, ich und der ältere Herr sprechen noch kurz. Ich bedanken mich bei Astrid für die tolle und mutige Hilfe. Wir sind uns einig. Diese Strecke ist für Motorradfahrer gefährlich. „Obwohl die meisten selbst Schuld sind!“, sagt der Herr. Mir begegnen auf dieser Strecke zwar auch immer wieder Motorradfahrer, die sich ganz offensichtlich nach einem sozialverträglichen Ableben in jungen Jahren sehnen, trotzdem glaube ich aber nicht, dass die meisten, die einen Unfall erleben „selbst Schuld sind“. Das Problem ist eher, dass Motorradfahrer übersehen und in den Kurven von PKWs geschnitten werden. Deshalb möchte ich gerade jetzt, da der Saisonbeginn vor der Tür steht, darum bitten, es vorsichtig angehen zu lassen, sich wieder an die Präsenz von Motorradfahrern auf den Straßen zu gewöhnen und sich im Notfall daran zu erinnern, wie die Helmabnahme funktioniert.

Johannes Hinrich von Borstel

 

Hier kannst du noch einmal alles zur Helmabnahme nachlesen: https://www.drk.de/hilfe-in-deutschland/erste-hilfe/der-kleine-lebensretter/helm-abnehmen/

Hier kannst du noch einmal alles zur Seitenlage nachlesen: https://www.drk.de/hilfe-in-deutschland/erste-hilfe/der…

 

Bildquellen: https://pixabay.com/de/motorrad-baum-sonnenuntergang-abend-1620914/

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