„Emotionale Schmerzen“ ganz easy peasy entschlüsselt?

von Alexander Kugelstadt

Mythos Psychosomatik

Ein Privileg als Arzt für Psychosomatische Medizin ist, dass sich fast jeder für’s eigene Fachgebiet interessiert: Ängstliche Selbstbeobachtung, Schlafstörungen, Durchfälle, Herzklopfen: Die Schnittstelle von Körper und Psyche treibt die Menschen um: „Wie funktioniere ich?“

Leider kursiert das ein oder andere Gerücht zur Psychosomatik, das sich gewaschen hat. Der Wunsch nach klaren Antworten auf komplexe Fragen ist groß, das ist in der Medizin nicht anders als in der Politik. Am 23. Februar 2017 erschien auf dem Onlinemagazin „www.wunderweib.de – wunderbar weiblich“ der Artikel „8 emotionale Schmerzen und was sie bedeuten„. Das Portal aus dem Hause Bauer Mediengruppe mit über 740.000 Abonnenten (!) bei Facebook schreibt dazu:

„Das Spannende: Der Ort der Schmerzen kann uns etwas darüber verraten, woher die psychische Belastung rührt.“

Oh, wow. Jetzt klick ich aber mal. Das klingt ja super spannend, würde Tante Lisbeth da sicher sagen. Das heißt ja, ich hab vielleicht Schmerzen, kein Arzt konnte mir bisher sagen, wie das kommt und warum das nicht weggeht, und nun steht hier vielleicht, woran das liegt. Also…

„Psychosomatische Schmerzen werden durch emotionalen Stress verursacht. Daher lässt sich sogar am Schmerzpunkt erkennen, welche Art emotionale Verspannung vorliegt.“

Krass, cool. Also das guck ich gleich mal, was mich betrifft. Ich hab halt dauernd Nackenschmerzen. Ah, ja, gleich Nr. 1:

„Schmerzen im Nacken deuten auf Starrköpfigkeit und mangelnde Flexibilität hin. Das Problem kann in einer zu festgefahrenen Denk- und Lebensweise liegen. Auch psychischer Druck und das Gefühl es jedem recht machen zu müssen können dahinterstecken.“

Oh je, das klingt ja gar nicht gut. Starrköpfig. Festgefahrene Denkweise. Psychischem Druck nicht gewachsen. Hab ich’s doch gewusst. Ich brauche gar keine Massage und keine Schmerztablette. Mein ganzes Leben ist ein einziger Katzenjammer. Aber was haben denn die anderen Schmerzpunkte zu sagen? Mmh…

„Emotionale Schmerzen in den Schultern sprechen dafür, dass das Leben zur Last geworden ist.“ 

„Die Wirbelsäule steht für Stabilität. Im emotionalen Sinne lassen sich psychosomatische Schmerzen hier häufig auf einen Mangel an Unterstützung zurückführen.“

„Schmerzen in der Hüfte lassen sich häufig auf Entscheidungsprobleme in Zukunftsaspekten zurückführen. Zudem kann das Gefühl, im Leben nicht voran zu kommen, Hüftschmerzen verursachen.“

„Der Ellbogen ist ein sehr flexibler Körperteil. Er steht für etwas Positives: Der Ellbogen zeigt Veränderungen im Leben und deren Akzeptanz an.“

…Und die Erde ist eine Scheibe!

Ich erlaube mir an dieser Stelle, auf die Erde als Kugel zurückzukommen. (Ja, ich weiß, Ellipsoid.) So schön, so verführerisch es klingen mag, endlich Antworten auf den verspannten Nacken zu bekommen. Das ist die größte Quacksalberei. In den Artikel noch zu schreiben „unsere Psyche hat einen unterschätzten Einfluss auf unsere Gesundheit“ ist wirklich böse, denn dazu sagt Tante Lisbeth: Ja, aber das stimmt doch schließlich!
Doch kann hier die Antwort nicht sein, den „unterschätzen Einfluss“ mit solchem Nonsens aufzufüllen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, das Ganze etwas sachlicher darzustellen:

  1. Bestimmte Symptom-Kombinationen weisen nicht auf spezifische innere Konflikte hin, wie der Artikel von wunderweib.de uns hier erklären möchte. Also „mir schmerzt das Bein – meine Beziehung ist nicht fein“ oder „Schmerzen am Becken – ich werde bald verrecken“ reimt sich zwar, hat aber mit medizinischen Zusammenhängen nichts zu tun. Habe ich mir nämlich gerade erst ausgedacht. Ach ja, dabei ist es gleichgültig, wie oft man man da „Psychosomatik“ darüberschreibt – es bleibt ein Hokuspokus. …Also ich hab die Nase voll davon, das ist doch wirklich zum Kotzen, oder? Merke: Die mögliche Symbolik eines Symptoms kann nur gemeinsam mit dem betroffenen Individuum entwickelt und verstanden werden, weil es dabei um Subjektivität geht.
  2. Schmerzen des Bewegungsapparates haben sehr wohl einen Bezug zum psychischen Erleben. Jedoch entsteht die Bereitschaft, an bestimmten Beschwerden zu leiden sowohl durch biographische Ereignisse (zum Beispiel: Schmerzmuster von anderen Personen als Ausdrucksform emotionaler Belastungen kennenlernen und verinnerlichen), wie auch durch die biologisch-somatische „Schwachstelle“ z. B. durch vorhergehende Erkrankungen oder Operationen, die dann unter „Stress“, wie es der Artikel so schön nennt, schmerzt oder andere Symptome zeigt. Diese Entwicklungen sind individuell und können nicht in einer allgemein gültigen Tabelle gepostet werden. Äh, ach doch, gepostet werden können sie. Stimmt aber trotzdem nicht.
  3. Eine Depression und Schmerzen treten gehäuft zusammen auf. Wer zuerst da war, ist oft nicht so ganz klar. Die Verarbeitung belastender Emotionen und die Schmerzverarbeitung beeinflussen sich im Gehirn sehr stark gegenseitig. Bei Schmerzbehandlungen sollte das psychische Erleben deshalb mitberücksichtigen werden.
    Übrigens: Menschen mir einer Depression erleben sich oft schuldig für die missliche Lage, in der sie sind. Ist natürlich blöd, wenn man dann liest: „Deine Nackenschmerzen kommen, weil Du so starrköpfig bist!“
  4. Hilfreich ist die Leitfrage: Was verhindert der Schmerz? In einer echten psychosomatischen Diagnostik würde man sich zum Beispiel angucken, was der Betroffene durch den Schmerz im Nacken (oder so) nicht mehr tun kann? Nicht mehr arbeiten? Nicht mehr aus dem Bett aufstehen? Nicht mehr am PC sitzen? Nicht mehr wunderweib.de lesen? Hier ist eine ganz reale Schnittstelle vom Schmerz hin zur Bedeutung des Symptoms für den Betroffenen. Man versucht also die „Funktion der Dysfunktion“ (nach Stavros Mentzos) zu betrachten, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Wann man sicher sagen kann

Schulter, Hüfte, Knie und Bein, Knie und Bein
Schulter, Hüfte, Knie und Bein, Knie und Bein
Schulter, Hüfte, Hüfte, Knie und Bein
Die Ursachen können VIELFÄLTIG sein

Was wir über Psychosomatische Medizin wissen ist vielleicht zu komplex für ein Lifestyle-Blog. „Schmerz-Codes“ zu entschlüsseln ist nicht easy peasy. Als Alternative so ganz falsche Behauptungen zu verbreiten, die durch hunderttausende Timelines flimmern, scheint mir nicht optimal zu sein. Noch eine Erkenntnis: Alles, was nach Horoskop klingt, deutet nicht auf Medizin hin. Und was selten verkehrt ist, wenn der Nacken, die Hüfte, der Ellenbogen, das Bein wehtut: den Hausarzt oder Orthopäden zu fragen!

Quellen

  • Adler R. in Uexküll Tv. Psychosomatische Medizin. Modelle ärztlichen Denkens und Handelns. 6. Aufl. Urban&Fischer, München: 2008 (S. 326ff).
  • Mentzos S. Lehrbuch der Psychodynamik. Die Funktion der Dysfunktionalität psychischer Störungen. V&R, Göttingen: 2015.
  • Lumley LA. Pain and Emotion: A Biopsychosocial Review of Recent Research.
    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3152687 (zuletzt abgerufen am 27.02.2017)
  • 8 emotionale Schmerzen und was sie bedeuten (ohne Autor). http://www.wunderweib.de/psychosomatik-8-emotionale-schmerzen-und-was-sie-bedeuten-99562.html (zuletzt abgerufen am 27.02.2017)

Beitragsfoto: Martin Müller / pixelio.de

2 Responses
  1. Jo, super, danke für diesen Artikel, werter (Vor-)Namensvetter – ihn zu lesen war mir eine wahre Freude. Vor allem ist der Text interdisziplinär, das kann auch und gerade bei intensivem Ratio-Einsatz nicht schaden. Als Sprachwissenschaftler (ok, lang ist’s her…) habe ich immer wieder meinen geheimen Reichsparteitag, äußert jemand aus seiner Umgebung diese „psychosomatische“ Etymologie / Semantik aus der homöopathisch-homöostatischen Hinterhof-Garküche.

    Ich erlaube es mir, Ihren Beispielen meinen kleinen Beitrag anzuhängen:

    -> Zunehmende Probleme mit der Nasenatmung sind natürlich nicht etwa auf eine schiefe Nasenscheidewand zu führen, sondern selbstverständlich darauf, dass der Betroffene „etwas / jemanden nicht riechen kann“ und/oder „die Nase voll hat“.

    Klingt ja logisch und wird gar von der Umgebung bestätigt: is‘ ja was dran und schließlich wissen wir eh nicht alles. Letzteres stimmt ja, denn es braucht ja nicht mal eines komparativen Linguisten, um festzustellen, dass die beiden zitierten Idiome außerhalb des deutschen Sprachraums nicht funktionieren. Soll heißen, ein Pole, dem diese deutsche Redewendung fremd ist, bekommt Zeit seines Lebens keine Schwierigkeiten mit dem Riechorgan. O, tu felix Polonia!

    (Apropos Polen: wenn dort jemand behauptet, etwas passte „wie Faust aufs Auge“, ist dies, anders als im Deutschen, durchaus ein Hinweis auf eine – mindestens – grobe Disharmonie zu verstehen. Was sagen dazu die Wortklauber-„Psychosomatikerinnen“?)

    Die beschriebenen Probleme mit der Nasenatmung wurden im Übrigen mit einem halbstündigen Eingriff in Vollnarkose durch einen qualifizierten HNO-Arzt ein für allemal aus dem Welt geschaffen. Dabei bleiben die außermedizinischen Faktoren, die den Betroffenen noch vor der OP störten oder irritierten, größtenteils bestehen. Trotzdem hat der Betroffene dank der OP die Nase frei. Wer heilt nun? Wer hat Recht?

    Viele Grüße

  2. Ja. Ganz fürchterlich. Solche Empfehlungen höre ich zunehmend von Menschen, die ich bis dato für rational denkende Leute gehalten habe.
    Kaum ausrottbare Dummheiten werden verbreitet. Und am schlimmsten, wenn ich solchen Unfug von Ärzten oder Apothekern zu hören bekomme.

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