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Empirie + Deduktion = Erkenntnis

Im Juni dieses Jahres findet in Leipzig der Homöopathische Weltärztekongress 2017 statt, unter dem schönen Motto „Networking in Medical Care“. Mit Gemeinschaftsausflug nach Köthen, der einzigen Stadt, die bei der Stadtentwicklung auf „Homöopathie als Entwicklungskraft“ setzt. Unter Gastgeberschaft des Deutschen Zentralvereins Homöopathischer Ärzte, unter der Schirmherrschaft von Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, und versehen mit einem Grußwort der Sächsischen Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz. Reputation allerorten.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es handelt sich nicht um eine Tagung von Medizinhistorikern. Nein, ganz offensichtlich geht es tatsächlich darum, ein weiteres Mal die Homöopathie als ernstzunehmende medizinische Therapie zu feiern und die Darlegung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu simulieren.

Die Abstracts zu den Tagungsbeiträgen sind inzwischen veröffentlicht worden und im Internet zugänglich. Das Studium derselben lässt schon staunen und zudem die Frage aufkommen, weshalb z.B. so weltbewegende Forschungsergebnisse wie eine „schnelle“ Wirkung von Homöopathika „bei Krebs“, und das auch noch durch L-Potenzen, also Verdünnungsschritten von jeweils 1:50 000 (!), denn nicht im Lancet, dem British Medical Journal, bei Nature oder in einer der Online-Studiendatenbanken veröffentlicht werden? Das wäre doch bei derart bahnbrechenden Erkenntnissen der erfolgversprechendste Weg zum Medizin-Nobelpreis? Oder nicht?

Wir wollen uns aber in solchen Details gar nicht verlieren, sondern lieber einen Exkurs zu dem nicht neuen Thema unternehmen, ob der Homöopathie überhaupt so etwa wie Wissenschaftlichkeit zugestanden werden kann. Machen wir es uns ruhig ein wenig schwerer als nötig und rekurrieren nicht von vornherein z.B. auf die Russische Akademie der Wissenschaften, die mit begrüßenswerter Klarheit vor kurzem die Homöopathie als Pseudowissenschaft eingestuft hat. Aus Gründen.

Die Homöopathie hält sich viel zugute auf die „guten Erfahrungen von mehreren hundert Millionen Menschen“, die dazu führen würden, dass es „auch ohne Studien gehe“ (so Vertreter der Carstens-Stiftung in einer Online-Diskussion im Mai 2016). Ja, die Erfahrungen, sie überragen alles, sie sind für die Homöopathen immer wieder „der“ Prüfstein überhaupt für ihre Methode. Was sie -nur nebenbei erwähnt- nicht davon abhält, „Grundlagenforschung“ zu betreiben. Ist die Homöopathie damit wirklich auf der Höhe der Zeit, kann sie damit für sich „Wissenschaftlichkeit“ in Anspruch nehmen?

Francis Bacon (1561 – 1626) war der erste in der Neuzeit, der die Notwendigkeit formulierte, methodische Werkzeuge für eine Abgrenzung zwischen wissenschaftlich als gesichert oder eben als nicht gesichert anzusehendem Wissen zu schaffen (Aristoteles hatte in seiner Wissenschaftstheorie bereits angedeutet, dass das reine Anhäufen von Erfahrungswissen nicht ausreichen könne). Bacon selbst ging dabei noch vom reinen, absoluten Wahrheitsbegriff aus und hatte auch keinerlei Zweifel, dass eine solche Wahrheit klar festgelegt werden könne: „If truth is manifest, thruth is there to be seen“. Auf diesem methodologischen Stand etwa ist die „Erfahrungsargumentation“ der Homöopathie. Wobei das Problem des fehlenden Kausalitätsnachweises zwischen Methode und beobachteter Wirkung noch gar nicht berücksichtigt ist.

David Hume (1711 – 1776) und in seiner Nachfolge Immanuel Kant (1724 – 1804) legten die Schwachstelle einer solchen „absoluten Empirie“ offen, indem sie zeigten, dass keine noch so große Anhäufung empirischer Daten einen Gegenteilsbeweis (im „n+1-ten“ Fall) ausschließt, das sogenannte Induktionsproblem. Beispiel: Der Umstand, dass bislang die Sonne noch jeden Morgen aufgegangen ist, wiegt zwar schwer, ist aber kein Wahrheitsbeweis dafür, dass dies morgen oder irgendwann nicht mehr der Fall sein wird. Wie wir heute wissen, trifft das ja durchaus zu. Oder, ein Beispiel, das Aristoteles gefreut hätte: Die Aussage „Alle Menschen müssen sterben“ ist eine empirische Vergangenheitserfahrung – wie aber soll dies als absolut „wahre“ Aussage dienen, wo doch derzeit Milliarden von Menschen noch leben?

Nach Hume und Kant kann auf die sinnliche Erfahrung, die Induktion, ebenso wenig verzichtet werden wie auf die logische, widerspruchsfreie Ableitung aus Grundprinzipien, die Deduktion. Ein wissenschaftliches System ist darauf angewiesen, dass diese beiden „Seiten der Medaille“ sich ergänzen und bestätigen. Anders ausgedrückt: Die Prognose der Deduktion -die Hypothese- muss sich im Abgleich mit den empirischen Daten der Induktion bewähren und wird dadurch zur Theorie. Im Idealfall in dieser Reihenfolge. Für das „Alle Menschen müssen sterben“-Beispiel bedeutet dies, dass die Forschung zu den Lebensfunktionen des menschlichen Organismus, insbesondere vor dem Hintergrund der Zellularpathologie, Einblicke in grundsätzliche Vorgänge der Zellalterung erbracht haben, die die Sterblichkeit des lebenden Organismus ganz unabhängig von der schlichten Erfahrung des tatsächlichen Versterbens vieler Menschen erklärt – und umgekehrt die empirische Erfahrung die deduktiv gewonnene Hypothese stützt.

Dies ist heute unverrückbarer Teil naturwissenschaftlicher Methodik. Hinzu kommt heute noch die Ausformung des Falsifikationismus  im Sinne von Karl Popper (1902 – 1994), der verlangt, dass Ziel der wissenschaftlichen Untersuchung der beständige Versuch der Widerlegung vorhandenen Wissens sein muss. Dadurch wird nicht nur reine „Bestätigungsforschung“ vermieden, sondern letztlich ist dies der einzige Weg, durch das Verwerfen von Unzulänglichkeiten eine immer größere Annäherung an den -von Popper nicht mehr absolut gedachten- Wahrheitsbegriff zu erreichen. Von Bacons „manifest truth“ ist längst keine Rede mehr.

Die Naturwissenschaft ist bescheiden geworden – sie strebt nur noch nach Annäherung an die Wahrheit und setzt dabei als vorrangige Methode auf das Erkennen und Beseitigen bisheriger Irrtümer und Unzulänglichkeiten. Nebenbei: Die Vorwürfe angeblicher Arroganz gegenüber der Wissenschaft und der ihr immer wieder vorgehaltene angebliche Allwissenheitsanspruch zeugen leider nur von der weit verbreiteten Unwissenheit solcher Kritiker darüber, was Wissenschaft überhaupt ist.

Zurück zu unserem Patienten, der Homöopathie. Sie leugnet es ab, aber die Tatsachen sprechen eine eindeutige Sprache: Sie scheitert sowohl an der Deduktion als auch an der Induktion.

Wenn sie, wie eingangs ausgeführt, im Grunde der Auffassung ist, die empirische Erfahrung in „Millionen“ von Fällen reiche völlig aus und Studien seien durchaus nicht vonnöten, ist sie beim Wissenschaftsbegriff Francis Bacons stehengeblieben. Sie scheitert im Grunde sogar schon in einem noch früheren Stadium, denn die von ihr angehäuften Erfahrungen beziehen sich auf aberwitzig viele Patienten- und Fallkonstellationen mit höchst unterschiedlichen Behandlungen, sind also derart inhomogen, dass sie für einen Rückschluss auf eine „Wahrheitsaussage“ zur „Homöopathie an sich“ ohnehin ungeeignet sind. Anders als sich regelmäßig exakt wiederholende Ereignisse wie beispielsweise der Sonnenaufgang.

Werden die empirischen Daten jedoch nach wissenschaftlichen Methoden homogenisiert und im Blindversuch gegen Standardtherapien und Placebos verglichen, scheitert die Homöopathie. Keine Studie mit ausreichendem Design zur Ausschaltung von Zufälligkeiten und Fremdursachen und zur Sicherung echter Vergleichbarkeit hat bisher eine Überlegenheit auch nur einer einzigen homöopathischen Therapie gegenüber Placebo ergeben. Das wird ständig bestritten, ist aber nachweislich Fakt.

Was hier aber gezeigt werden soll, ist das Scheitern der Homöopathie auch und vor allem an der Deduktion. Eigentlich bedarf es ja gar keiner Deduktion, wenn schon die Empirie eine Relevanz der Methode gar nicht belegen kann. Aber die Homöopathen bestehen nun mal auf einem wissenschaftlichen Anspruch ihrer Methode – und müssen sich eben daran eben messen lassen.

Es fällt dabei zunächst auf, dass die Fraktion der Homöopathen, so sie sich denn nicht mit der Bacon’schen Empirie („meinen Patienten hats geholfen!“) zufriedengibt, seit Hahnemann über die funktionellen Grundlagen durchaus keine Einigkeit erzielt hat, sondern eine Zersplitterung der Ansichten zu beobachten ist. Die Erklärungshypothesen sind Legion. Das Spektrum reicht vom Festhalten an Hahnemanns Prinzip der „geistigen Lebenskraft“ bis zu den bemühten Versuchen, doch irgendwie einen „materiellen“ Wirkungsnachweis für das Prinzip der Wirkungszunahme durch Potenzierung -und damit der hohen Wirkung von Hochpotenzen- zu erbringen. Hierhin gehören die Stichworte „Wassergedächtnis“, „Nanopartikel“ und -last, but not least- „Quantenphysik“. Von etlichen mehr oder weniger Privatvarianten unter der Flagge „Homöopathie“ ganz zu schweigen.

Ja was denn nun? Soll das etwa eine Weiterentwicklung einer Ursprungshypothese sein, die Annäherung an die „Wahrheit“ durch Eliminierung von Irrtümern und Unzulänglichkeiten? Ein Schwanken zwischen Festhalten an vorwissenschaftlichen Vorstellungen und Versuchen, ganz im Gegenteil nun doch materielle Wirkungsmechanismen zu postulieren? Wo ist denn hier nun der deduktive Entwurf, der nur noch der Bestätigung durch die Empirie harrt?

Der hellsichtige Kant hat bereits die Definition geliefert, die einer solchen „Wissenschaft“ eine eindeutige Absage erteilt. In der „Kritik der reinen Vernunft“ unterscheidet er klar zwischen zwei Methoden menschlicher Erkenntnisbemühungen: Einerseits dem „bloßen Herumtappen“ durch das mehr oder weniger unsystematische Anhäufen empirischer Daten und andererseits zwischen einem „sicheren Gang einer Wissenschaft“ unter „systematischer Bearbeitung ihrer Erkenntnisse“. Nach Kant zeichnet sich die letztere dadurch aus, dass sie nicht gleich mit ihren Hypothesen „ins Stocken gerät“ und zur Erhaltung ihres Gebäudes ständig revidiert und erweitert werden muss. Der eigentliche Zweck sei die Erlangung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die Allgemeingültigkeit von Hypothesen; eine Erkenntnislage, die sich nur durch ständige Revisionen ihrer Grundlagen erhalten könne, sei dazu nicht geeignet. Eine „sichere Wissenschaft“ in Kants Sinne verzeichnet systematische Erkenntnisfortschritte. Sie muss sich „ihres Gegenstandes und der Prinzipien ihrer Erkenntnis sicher sein“.

Hieraus folgt als Hauptkriterium für eine wissenschaftliche Methode des Erkenntnisgewinns, dass eine Wissenschaft des „sicheren Ganges“ sich nicht in ständigen Grundlagenstreitigkeiten befinden könne. Es sei notwendig, dass die Beteiligten unter einem gemeinsamen Paradigma arbeiten, in Kants Formulierung müsse es möglich sein, „die verschiedenen Mitarbeiter in der Art, wie die gemeinsame Absicht verfolgt werden soll, einhellig zu machen“ (Kant, Vernunftkritik, B VIII).

Die heillose Zerfaserung, in die sich die Homöopathie bei einer Gesamtschau von Hahnemann bis heute befindet, spricht einem solchen Bild von Wissenschaftlichkeit Hohn. Es ist nicht nur die inkonsequente Haltung zu Hahnemanns Wirkungsprinzip. Zu dieser Zerfaserung gehören ebenso beispielsweise die Einführung von Krankheitsbegriffen gegen Hahnemanns Postulat, nur Symptome seien erkennbar; die prophylaktische Anwendung von Homöopathie, das Ausufern von Konstitutions- und Typenlehre, Tier- und sogar Pflanzenhomöopathie, die Propagierung von Komplexmitteln gegen Hahnemanns ausdrückliches Verdikt und vieles mehr, was mangels deduktiver Begründung nicht als Fortschritt, sondern nur als Beliebigkeit gedeutet werden kann. Den historischen Weg der Homöopathie säumen weitaus mehr Absurditäten als Erkenntnisse.

Die Homöopathie muss an einem solchen Wissenschaftsbegriff scheitern. Es ist ihr auch erst recht nicht zuzugestehen, sich auf einen eigenen Wissenschaftsbegriff zurückzuziehen, wie dies gelegentlich durchaus geschieht (Baumgartner, Walach). Sie ist empirisch widerlegt und deduktiv bedeutungslos. Liebe Homöopathen, liebe Kongressteilnehmer in Leipzig – wenn ihr glaubt, dies ändern zu können, dann stellt eure Ergebnisse nicht im internen Zirkel vor, sondern öffnet sie der üblichen wissenschaftlichen Kritik – wenn ihr könnt, denn dies setzt nachvollziehbare, grundsätzlich einer Reproduktion fähige Forschungsergebnisse voraus. Dies ist die einzige Methode zur Erlangung wissenschaftlicher Reputation – das können weder Schirmherrschaften noch Grußworte ersetzen.

 

Bildnachweis: dreamstime_xs_32681166

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