Beate Zschäpe: Gutachter-Farce

Ich räume ja ein, dass die Meldungen über Donald Trump seit dessen Amtsantritt in jedem Fall genügen, um an der Berechenbarkeit und Verlässlichkeit der Welt zu zweifeln. Trotzdem kann ich als Psychiater über gewisse Vorgänge abseits der USA und „tief im Lande“ nicht hinwegsehen.

Die Rede ist vom Ewigkeitsprozess gegen Beate Zschäpe, in dem mittlerweile ein Gutachter der Verteidigung angetreten ist, seine Sicht der Dinge darzustellen.

Der emeritierte Freiburger Psychiater Joachim Bauer macht Schlagzeilen.

Sein Gutachten über die Angeklagte weicht deutlich von dem seines Kollegen Henning Saß ab. Bauer attestiert Frau Zschäpe eine abhängige Persönlichkeitsstörung, die zu einer zumindest verminderten Schuldfähigkeit beitragen soll.

Bereits im Aufsehen erregenden Prozess gegen Anders Breivik gab es zwei Gutachten, die sich sehr unterschiedlich über die Diagnose und die damit in Zusammenhang stehende Schuldfähigkeit äußerten.

Für die Öffentlichkeit mag jetzt der Eindruck entstehen, psychiatrische Gutachten seien willkürlich. Je nach Gesinnung des Gutachters würden sie so oder so ausfallen.

In der Tat haftet psychiatrischen Gutachten eine gewisse Problematik an. Nachdem sich psychische Symptome einer Messung und damit einer objektiven Quantifizierung entziehen, versuchen manche Gutachter diesen Sachverhalt auszunützen, indem sie Pseudo-Quantifizierungen einführen. Dies sind in der Regel psychometrische Testverfahren, die als Teilaspekt interessant sein mögen, in der Gewichtung der psychischen Störung aber eine untergeordnete Rolle spielen. Weitaus wichtiger und entscheidender sind die Vorgeschichte und der psychische Befund, in den auch Angaben des Patienten (und des Behandlers!) mit einfließen sollen. Es ist Aufgabe nicht nur des psychiatrischen Gutachters, sondern auch des in Praxis und Klinik behandelnden Facharztes, diese Angaben im Hinblick auf das klinische Bild, also den Eindruck des Patienten in der Untersuchung, abzugleichen und vor dem Hintergrund des in der Facharztausbildung erworbenen Wissens zu bewerten.

Für psychiatrische Gutachter sollte dabei in jedem Fall der Grundsatz der Unabhängigkeit gelten. Leider ist dem in der Praxis nicht so.

Dass Gutachter im Renten-und Berufsunfähigkeitsverfahren zugunsten eigener Bereicherung von diesem Prinzip abweichen, habe ich an anderer Stelle bereits beschrieben.

Seltener sind die Hintanstellung wissenschaftlicher Prinzipien und die Verweigerung eines unabhängig distanzierten Standpunkts in der Forensik.

Joachim Bauer hat in einer email dem Chef der Welt-N24-Gruppe aus eigenem Antrieb einen „exklusiven Beitrag“ angeboten. Er habe ein Gutachten über Beate Zschäpe verfasst, dass einigen nicht passen“ würde. Des Weiteren sprach er im Zusammenhang von einer „Hexenverbrennung“. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass Bauer seiner Probandin Pralinen mit in die JVA bringen wollte.

Wie soll man sich das erklären?

Ebenso wie bei Donald Trump will ich bei Joachim Bauer keine Ferndiagnosen stellen. Die schlichte Beurteilung des Verhaltens führt manchmal weiter.

Was treibt einen Gutachter, einer Mediengruppe ungefragt einen exklusiven Bericht über eine forensische Begutachtung anzubieten? Wie komme ich dazu, einer Probandin Pralinen mit in die Haftanstalt zu bringen?

Ersteres würde ich als Ausdruck eines gesteigerten Mitteilungsbedürfnisses werten, vielleicht garniert mit einem Faible fürs Rampenlicht, zumal im vielleicht unbefriedigenden Zustand der Emeritierung. Zweiteres ist schlicht unprofessionell und lässt sich gar nicht erklären. Mag ja sein, dass Herr Bauer Sympathien für Frau Zschäpe hegt und sie als Opfer einer „Hexenverfolgung“ sieht. Das ist nicht verboten, kennzeichnet aber eher die Rolle als Behandler oder Unterstützer und steht der Rolle als Gutachter diametral entgegen.

Die Beweggründe von Joachim Bauer interessieren mich aber nicht so sehr wie der Eindruck, den er aufgrund seiner eigenarteigen Rollengestaltung als psychiatrischer Gutachter in der Öffentlichkeit erweckt. Ist denn in psychiatrischen Gutachten alles möglich? Ist das alles nur Ansichtssache?

Nein, psychiatrische Gutachten sind keineswegs willkürlich. Bestes Beispiel ist der vom Gericht eingesetzte Gutachter Henning Saß. Seine Beurteilung der Persönlichkeit der Angeklagten hielt einer intensiven Befragung der Verteidigung stand. Seine auf bewährten Prinzipen der Begutachtung fußende Expertise wird das Gericht meiner Einschätzung nach als fachlich fundiert gewichten.

Bauers Versuch, sich selbst in die Medien und der Angeklagten fernab jeglicher Unabhängigkeit Unterstützung (und Pralinen) zu bringen, wird, so wie ich es sehe, weniger als korrekte wissenschaftlich-gutachterliche Leistung in die forensische Geschichte eingehen, sondern als Paradebeispiel, wie man es nicht machen soll.

 

Peter Teuschel

 

Bildquelle: Jiri Hera – Fotolia.com

 

 

4 Responses
  1. 2xhinschauen Antworten

    Das Hauptproblem der Psychologie (grob vereinfachend: Diagnose und Beratung) und der Psychiatrie (grob vereinfachend: Behandlung und Heilung) dürfte sein, dass ihr Thema, mehr als in anderen Naturwissenschaften und selbst der Medizin, ein glitschiger Fisch ist: Sehr lebendig, zappelnd, schlecht greifbar.

    Keine harten Kriterien. Große Probleme bei der Reproduzierbarkeit von Studien, wenn sie denn überhaupt versucht wird. Studienprobanden oftmals nur Studenten desselben Fachs, also von vornherein nicht repräsentativ hinsichtlich Alter und Verfassung. Und die Handelnden der Fächer sind gleichzeitig und unverdrängbar ihre eigenen Objekte. Heikel.

    Die Fächer haben große Probleme in Theorie und Praxis. Ich spreche ihnen nicht pauschal ihre Wissenschaftlichkeit ab, aber sie tun m.E. auch viel zuwenig für den Eindruck, richtige Wissenschaft zu sein.

    Meine 2 cts. Feuer frei 🙂

  2. osterhasebiene langnase Antworten

    „glitschiger Fisch“ gefällt mir gut, @2XHINSCHAUEN! Die Idee mit den Pralinen könnte auch von Columbo sein. Hahaha.

  3. Es soll schon Polizisten gegeben haben, die bei Vernehmungen von Verdächtigen diesen Verdächtigen eine Kippe oder einen Kaffee angeboten haben. …. Sind solche Polizisten eventuell abhängige Komplizen gewesen sein? Suspendierung wäre das Mindeste als Sanktion.

    Es ist das Normalste der Welt eine Beziehung zu dem Untersuchten herzustellen, insbesondere wenn zu erwarten ist, dass er sich gegen neutrale Begutachtung streubt.

    Ein Paradebeispiel wie Küchentischpsychologie daneben geht.

    • „Es ist das Normalste der Welt eine Beziehung zu dem Untersuchten herzustellen“

      Stimmt. Eine Schachtel Pralinen ist hierfür aber nicht nur nicht erforderlich, sondern ausgesprochen unpassend, weil dies eine Beziehungsebene symbolisiert, die mit einer sachgerechten Begutachtung unvereinbar ist.

      „insbesondere wenn zu erwarten ist, dass er sich gegen neutrale Begutachtung streubt.“

      Wenn sich eine Probandin oder ein Proband gegen eine neutrale Begutachtung sträuben, so ist dies kein Grund, ihr oder ihm eine parteiliche zukommen zu lassen.

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