Für mich bitte nur ohne Chemie!

 

Natürliches  (E)-N-(4-Hydroxy-3-methoxybenzyl)-8-methyl-6-nonensäureamid (Capsaicin)

Wissenschaftsfeindlichkeit, Esoterikboom, Ablehnung von „Chemie“, Misstrauen gegenüber wissenschaftlich fundierter Medizin, Natürlichkeitswahn, Wiederbelebung animistischer Vorstellungen wie „belebt“, „fließende Energie“, „Feinstofflichkeit“ – all das ist keineswegs ein „Back to the roots“, keine Rückbesinnung auf „natürliche Lebensformen“. Nein, ganz im Gegenteil, das ist viel eher eine Form von zivilisatorischer Dekadenz, eine irregeleitete Träumerei auf der Folie eines inzwischen sehr problemlosen Lebens. Die gemeinsame Grundlage all dessen ist das, was man als den Naturalistischen Fehlschluss bezeichnet.

Der Mensch des wissenschaftlichen Zeitalters scheint in einer Umdeutung und Überhöhung des Rousseau’schen Mottos des „Zurück zur Natur“ zu leben. Er gefällt sich in „kritischer Haltung“ gegenüber der „rationalistisch-materialistischen Weltanschauung“, die angeblich die Jetztzeit beherrsche und erhebt das „Natürliche“ vielfach geradezu zu einem Fetisch. Was dem Markt der medizinischen Mittel und Methoden, der sich nicht auf die wissenschaftliche Medizin beruft, nicht entgangen ist.

„Der Wissenschaft“ wird „Anmaßung“ vorgeworfen, weil sie behaupte, „alles zu wissen“, wahlweise wird sie als „Ideologie unter vielen“ oder als „Glaube“ bezeichnet. Die Abgrenzung eines Begriffs des „Natürlichen“ gegenüber den als Fehlentwicklungen gesehenen „gefährlichen“ und „nicht menschengerechten“ Erkenntnissen und Methoden der neueren Zeit wird immer schärfer. Sie bringt dabei solche Absurditäten hervor wie den Begriff „ohne Chemie“, der ohne Ansehen seiner kompletten Unsinnigkeit (ohne andauernde chemische Reaktionsketten ist der Körper tot) zu einem verbreiteten Markenzeichen auf dem pseudomedizinischen Markt geworden ist. Genau wie der gleichbedeutende Slogan von „100 Prozent natürlich“.

Das mag alles bei einigermaßen aufgeklärten Menschen Kopfschütteln hervorrufen. Es ist aber mehr als eine Verirrung. Es ist ein kompletter Irrtum: Der naturalistische Fehlschluss.

Die Menschen der frühen Zivilisationen sahen die Natur nur sehr bedingt als freundliches Gegenüber. Sie waren sich dessen vollkommen bewusst, dass die Natur sie jederzeit würde vernichten können. Was die Natur ihnen gab, mussten sie ihr mühsam abringen. Die Entstehung von Götterwelten hatte zur Grundlage, die Natur zu beherrschen oder zumindest milde stimmen zu können.

Lange Zeit blieb dies so. Die Natur war ganz überwiegend unerbittliche Gegnerin. Von allen Seiten bedrängte sie die Menschen, mit Krankheiten und zerstörerischen Naturgewalten. Das Meme von der „guten Mutter Natur“ taucht erst bei recht hochzivilisierten Gemeinschaften auf, ist in Mitteleuropa ein sehr typisches Produkt des romantischen Zeitalters. Eines Zeitalters, in dem immerhin noch die durchschnittliche Lebenserwartung ein Drittel der heutigen ausmachte, Infektionskrankheiten große Teile der Bevölkerung dahinrafften, die Kindersterblichkeit enorm war und die Medizin auf „Herumtappen“ (Kant) statt auf Wissen und Kenntnisse angewiesen war. Die Naturbegeisterung der Romantik war eine typische Erscheinung der Oberschicht, die zumindest das Privileg ordentlicher Wohnverhältnisse, akzeptabler Hygiene und ausreichender Ernährung genoss. Allen anderen dürfte eine Naturverklärung auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch ziemlich fremd geblieben sein.

Insofern ist die Verklärung von „Natürlichkeit“ etwas durchaus Neues, es drängt sich sogar auf, deren Entwicklung mit der Entwicklung der modernen Medizin und des technischen Fortschritts zu parallelisieren. Es ist eine Luxushaltung, die sich nur Menschen erlauben können, die in so hohen Standards leben, dass sie von den ständigen Attacken der Natur gegen sie im Großen und Ganzen bewahrt sind. Nur vor diesem Hintergrund kann sich eine Haltung ausbilden, die bewusst oder auch unbewusst davon ausgeht, die Natur sei auf den Menschen zentriert und verfolge insofern einen Zweckmäßigkeitsgedanken.

In der Tat, das ist der Kern des Naturalistischen Fehlschlusses: Die Annahme, die Natur sei insgesamt und a priori auf die menschlichen Belange und Bedürfnisse ausgerichtet, ja, sie gebe insofern gar „Antworten“, wenn man sie menschlicherseits richtig befrage. Esoterik und Pseudomedizin sind nach wie vor voller solcher ausgesprochener wie stillschweigender Annahmen. So sprechen Homöopathen im Zusammenhang mit der homöopathischen Arzneimittelprüfung am Gesunden geradezu von einer „Frage an die Natur“ und die am Gesunden erzielten Symptome seien „die Sprache der Natur selbst“ (Schlegel 1954, nach Prokop 1957) (1). Martini, der die großen umfassenden Untersuchungen zum Wert der Arzneimittelprüfungen durchgeführt hat, wies zu Recht darauf hin, dass eine solche Betrachtungsweise die Kausalität auf den Kopf stelle: Das erst in der Zukunft liegende Ziel der Untersuchung wird selbst als Ursache der Richtung angesprochen, in der sich ein Vorgang entwickelt. Er wendet sich scharf gegen die Unterstellung „rein biozentrischer oder gar anthropozentrischer Tendenzen“ in der Naturbeobachtung (Martini 1948, nach Prokop aaO).

In die Naturverherrlichung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schlug Darwins Lehre eine große Bresche. Die von Freud so formulierte „darwinistische Kränkung“ des Menschen, die darwinsche Erkenntnis, dass der Mensch Teil der Natur, ihren Daseinsbedingungen und insbesondere ihren Entwicklungsgesetzen unterworfen ist, beinhaltet eigentlich den Zusammenbruch des naturverklärenden humanzentrierten Weltbildes. Die Natur ist in keiner Weise zweckgerichtet auf Belange oder Bedürfnisse des Menschen. Am Beispiel der schönen Chilischoten im Bild: Sie sind nicht scharf, um unser Chili con carne zu würzen, sie sind scharf, um Fressfeinde abzuschrecken. Wie Darwin zeigte, hat die Natur (sofern man sie überhaupt „personalisieren“ will) nicht einmal irgendein Interesse am Bestand des einzelnen Individuums.

Wenn man der Natur schon so etwas wie eine Zielgerichtetheit unterstellen will, dann allenfalls die, mit „ihrer Methodik“ auf das Überleben der Spezies, nicht des Individuums, abzuzielen. Aber auch dies gilt nur im engen Rahmen einer rein biologistischen Betrachtungsweise und scheitert schon bei der Kosmologie. Die häufige Anführung des anthropischen Prinzips als Beleg für eine Humanzentrierung geht nämlich fehl, weil dies seine eigentliche Bedeutung überinterpretiert: Das anthropische Prinzip besagt nicht mehr, als dass das beobachtbare Universum nur deshalb beobachtbar ist, weil es alle Eigenschaften hat, die dem Beobachter seine Existenz ermöglichen. Wäre es nicht für die Entwicklung bewusstseinsfähigen Lebens geeignet, so wäre auch niemand da, der es beobachten könnte. Was aber nicht heißt, dass es wegen der Beobachter so ist.

Hat der Mensch die „darwinsche Kränkung“ längst noch nicht überwunden, was vielfach offensichtlich ist, kann es auch nicht verwundern, wenn er die Natur und das Natürliche als scheinbaren Gegenpol zu den von ihm als solche empfundenen Zumutungen einer wissenschaftlich-technischen Welt kultiviert. Umso mehr, als er -wie schon erwähnt- den Angriffen und Zumutungen dieser Natur längst nicht mehr im früheren Maße ausgesetzt ist – paradoxerweise gerade wegen der von ihm mit Misstrauen betrachteten technisch-wissenschaftlichen Fortschritte. Er übersieht dabei, dass alle diese Fortschritte nichts anderes sind als eben dieser Natur abgerungene Erkenntnisse, die sich der Mensch aufgrund seiner ebenfalls naturgegebenen Fähigkeiten zunutze macht. In manchen Wissenschaftsdisziplinen mag dies undeutlich hervortreten, aber gerade die Medizin ist ein herausragendes Beispiel hierfür. Der Begriff Naturwissenschaft existiert nicht umsonst. Damit fällt der konstruierte Gegensatz von „natürlich“ und „menschengemacht“ in sich zusammen.

So wird nun „Natürliches“ zum Kronzeugen für das Heil, als Urgrund alles Guten überhöht und zur Universalwaffe gegen „böse Schulmedizin“ und beschwört eine heile Welt auch dort, wo es keine gibt. Statt aber einen künstlichen und nicht aufrechtzuerhaltenden Gegensatz von „natürlich“ und „technischchemischwissenschaftlich“ zu konstruieren, sollte die Trennlinie lieber zwischen wirksam und unwirksam, objektiv nützlich und objektiv sinnlos bis schädlich verlaufen. Geschähe dies, wäre das Problem der pseudomedizinischen Durchseuchung des Gesundheitsmarktes zumindest vom Ansatz her gelöst.

Wie von einem Krebspatienten zu Beginn seiner Behandlung kolportiert wurde, als man ihm „natürliche“ Alternativen zur evident wissenschaftlichen Methodik anbot: „Die Natur ist gerade dabei, mich umzubringen. Ich vertraue auf die Menschen, die ihre Tricks kennen und sie ausbremsen können.“

Der Wissenschaftler empfindet Demut vor der Natur. Aber er vergötzt sie nicht. Dies wäre als grundsätzliche Haltung zu empfehlen, die dann auch das Tor zu Fragen der Ethik in der Wissenschaft öffnen kann.

 

(1) Prokop, O. u. Prokop, L.: Homöopathie und Wissenschaft, Stuttgart 1957

Bildnachweis: Fotolia_120026634_S

17 Responses
  1. Dieses „Für mich bitte nur ohne Chemie!“ hat ja andernorts die „Ban Dihydrogenmonoxide“-Bewegung inspiriert. Dieser Spruch landete dann auf Plakaten und T-Shirts, damit konnten z.B. Wissenschaftsjournalisten problemlos auf Anti-GMO-Demos und auf die Marches against Monsanto gehen und sich in Ruhe umsehen…

  2. Von der im Artikel beschrieben „Naturromantik“ hört man immer mehr und vor allem unter eher gebildeten Leuten (mein Eindruck). Fragt man solche Leute, was denn der Unterschied zwischen einem Molekül Vitamin C aus einer Frucht und einem Molekül Vitamin C aus einer Brausetablette ist, kommt auch nur Geschwurbel á la „das aus der Frucht ist besser, weil es natürlich ist“. Und dann noch diese vollkommen absurde Esoterik mit den Globuli, die „sanft und natürlich heilt“. Da kann man sich als denkender Mensch eigentlich nur noch aufregen oder zumindest ausgiebig wundern. Ich habe immer öfter den Eindruck, dass den meisten eine naturwissenschaftliche Grundbildung komplett fehlt. Anders kann ich mir nicht erklären, warum so viele auf „natürlich“, „Detox“, „superfoods“ und Co reinfallen. Eine Minute Wissenschaft anstatt einer Minute Fußball während der Tagesschau wäre vielleicht mal eine Maßnahme, aber der Deutsche an sich scheint völlig glücklich zu sein, solange er Auto fahren, grillen, Bier trinken und Fußball schauen kann. Nachdenken, forschen, analysieren, verstehen, Erkenntnisgewinn ist nicht so wichtig oder frei nach Homer Simpson: „Was hat die Wissenschaft schon für uns getan“. Am besten finde ich es ja, wenn Naturfreunde ihre Ablehnung von Technik/Wissenschaft/“Chemie“ usw. im Internet kundtun. Da weiß ich nur nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

    • Sehr richtig. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an den großen Erfolg von Dietrich Schwanitz‘ Buch „Bildung“. Dort breitet er den philologisch-geisteswissenschaftlichen Kanon sehr eloquent aus – und teilt dem Leser dann explizit und in unmissverständlicher Wortwahl mit, dass mathematisch-naturwissenschaftliche Kenntnisse und Fähigkeiten rein mechanistisches Zeug seien, das man den Praktikern überlassen möge und das nicht in den „Bildungskanon“ des modernen Bildungsbürgers gehöre. Solche Bestätigungen einer arroganten Weltsicht findet man also in deutschen Bestsellern…

      • Interessant, dieses immerwährende Eindreschen auf „die Geisteswissenschaften“ von Menschen, die eine entsprechende Fakultät nur durch die ASTA-Anarchos aus der eigenen (Dipling)-Studienzeit kennen. Es ist in etwas genau so wenig menschenachtend und zielführend wie das mehr oder minder offene Belächeln der angehenden Ingenieure (mit der Unterstellung: „Die Horizonte nicht unbedingt weit“) durch Philologen und Co., wie möglicherweise in dem angeführten Buch „Bildung“ der Fall.

        Nun, ich oute mich als Philologe, aber auch ich bin vor dem Studium zur Schule gegangen, und da hatte wir (ziemlich ausgebaut) Physik, Chemie, Informatik (in den mid-1970s!), Logik und Mathe – ja sogar 1,5 Jahre Astronomie, man staune. Im Studium war das Grundwissen in Naturwissenschaften mehr als nützlich, nicht nur bei der generativen Grammatik a la Chomsky.

        Beides ergänzt sich, und zwar so ungefähr seit der Antike.

        Das alles ist natürlich etwas offtopic, aber dennoch eine gebrochene Lanze IMHO wert. Denn so wie viele Naturwissenschaftler jede Menge über die Welt der Künste & Co. wissen, so sind Geisteswissenschaftler den exakten Wissenschaften bei weitem nicht alle so verschlossen, wie gemeinhin unterstellt.

        Last but not least vielen Dank für diesen Artikel. Das Thema der Begriffsumdeutungen ist im Übrigen auch soziallinguistisch wichtig. So trifft man sich (immer) wieder. Gut so.

        Viele Grüße.

        • Freue mich über diesen Kommentar und den Besuch auf dieser Seite! Ich möchte nur hinzufügen, dass ich selbst ja von der geisteswissenschaftlichen Fraktion bin – was man im Autorenprofil dieses Blogs ja auch nachlesen kann (und was mir gleich zu Anfang meiner Autorenschaft den unterschwelligen Vorwurf fehlender Kompentenz eingebracht hat.) Man möge also den Hinweis auf Schwanitz nicht als absoluten, sondern als einen relativen Positionsbezug sehen. Der Vorwurf gegen Schwanitz geht eigentlich in die Richtung, dass er in der durchschnittlich gebildeten Bevölkerung mit seinem -ja, sagen wir ruhig- geisteswissenschaftlichen Dünkel die Vorurteile gegen Mathematik, Physik, Chemie und Co., die in der Regel aus einem katastophalen Schulunterricht herrühren, massiv verstärkt. Da kann ich Ihnen nur zu Ihren schulischen Erfahrungen gratulieren. Ein weites Feld… (um philologisch mal passend auf Fontane zurückzugreifen).
          Des Pudels Kern (schon wieder ein philologischer Rückgriff… 😉 ) liegt aus der Sicht des Artikels bei den Menschen, die in die Apotheke gehen, ein Erkältungsmittel verlangen – aber „nichts Chemisches“.
          Vielen Dank für den Kommentar!

  3. Als Apothekerin habe ich es tagtäglich mit dieser zum Teil diffusen „Chemie-Angst“ zu tun. Eine meiner Standartantworten auf die Aussage des Kunden: „Das kann ja nicht gefährlich sein, das ist ja ganz natürlich.“ ist: „Das ist Eisenhut auch und der ist mit das Giftigste, das es gibt. Die Natur hat immer noch die besten und stärksten Gifte, die wir kennen.“
    Aber es hilft nur wenig.
    Die letzte Diskussion über dieses Thema endete so: der und der ist ein ganz schlechter Arzt, und meine Tierheilpraktikerin hat meinem Pferd das Leben gerettet.
    So kann man nicht diskutieren.

    • So ist es leider, und der Artikel wurde ja auch deshalb geschrieben, weil so eine Einstellung oder Haltung (wie man es immer nennen mag) kein exotischer Einzelfall ist. Die pseudomedizinische Werbung macht sich das längst zunutze. Ich brauche nur eine Bildersuche nach „Homöopathie“ aufzurufen, schon bekomme ich kleine Fläschen, aus denen putzige weiße Kügelchen rollen, in blühenden Blumenwiesen oder drapiert auf sattgrünen Blättern angezeigt. Völlig unberechtigt, wie jeder weiß, der die Grundannahmen der Homöopathie kennt. Aber hier -und nicht nur hier- wird ein völlig verschobenes Weltbild verfestigt, das im Einzelfall zu höchst unerwünschten Ergebnissen führen kann. Wenn selbst Sie als professionelle Beraterin im Gesundheitswesen da nichts ausrichten können, wer dann…

  4. Jochen Machatschke Antworten

    Da ist ja letztens wieder einer erschossen worden. Diese verdammte Physik. Also ich habe mein Leben jetzt konsequent auf ohne Physik umgestellt. Keine Ahnung, wer die warum erfunden hat…

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