Nur noch eine klitzekleine Info…

EbM: High level and quality medical service, best treatment and patient care concept.

Aus der Kritik der Heilpraktiker-Apologeten schallt mir ständig der Bannfluch gegen die „evidenzbasierte Medizin“ (EbM) entgegen. Sie sei „ausschließlich biomedizinisch orientiert“, sie „repräsentiere die heutige Maschinenmedizin“, sie „reduziere die ärztliche Behandlung endgültig auf Symptome“ und vor allem – sie sei der Sargnagel für die empathisch-individuelle Zuwendung des Arztes gegenüber dem Patienten. Whataboutism, wie vieles andere, aber doch grundsätzlicherer Natur.

Ich würde gern auf die Erklärung von Dingen verzichten, über die sich jeder leicht informieren kann. Aber es ist nun einmal eine offensichtliche Tatsache, dass die Denunziation der evidenzbasierten Medizin eine der am meisten in der Debatte auftauchenden Inhalte ist. Und es entzieht sich meinem Verständnis, wie man derart harsche Verdikte über eine Sache aussprechen kann, über die man sich offensichtlich gar nicht informiert hat.

Deshalb zur Klarstellung:

All die oben dargelegten Vorwürfe gegen die EbM sind blanker Unsinn und beschreiben das reine Gegenteil dessen, was mit der EbM erreicht werden soll.

Unter evidenzbasierter Medizin (EbM) versteht man ganz allgemein das Bemühen, den einzelnen Patienten auf der Grundlage der bestmöglichen zur Verfügung stehenden medizinwissenschaftlichen Daten zu versorgen. Der konkret behandelnde Arzt soll die Möglichkeit erhalten, zu dem konkreten Problem des Patienten im medizinischen Wissen nach der evidentesten (d.h. nach dem neuesten Erkenntnisstand voraussichtlich erfolgversprechendsten) Behandlungsmöglichkeit möglichst leicht und möglichst zuverlässig recherchieren zu können.

Das Leitliniensystem und die evidenzbasierten Empfehlungen sind nur ein Teil dessen, was sich insgesamt als evidenzbasierte Medizin versteht. Der Begriff umfasst weit mehr: Es soll der behandelnde Arzt befähigt werden, die Validität der -aktuellen- Evidenz für seinen individuellen Patientenfall zu beurteilen, dabei für seinen konkreten Patienten eine Nutzen-Risiko-Abwägung vornehmen zu können und auf der Grundlage all dessen eine seiner eigenen klinischen Erfahrung und den Vorstellungen und besonderen Befindlichkeiten des Patienten entsprechende Behandlungsentscheidung zu treffen. Es geht also nicht im Mindesten um schematisch-datenreduzierte „Pauschalmedizin“, wie dies behauptet wird. Es geht um die bestmögliche Kombination von ärztlichem Wissen und ärztlicher Kunst im individuellen Behandlungsfall.

Auch und gerade der niedergelassene Haus- und Facharzt, der nur beschränkte Möglichkeiten hat, sich über alle neuen Ergebnisse der medizinischen Forschung ständig zu informieren, soll hierdurch eine verlässliche Basis bekommen, um seine Erfahrung und seine ärztliche Kunst, das was so gerne als „ganzheitliche Betrachtung“ bezeichnet wird, auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage -eben evidenzbasiert– anwenden zu können. Das ist die Grundvorstellung, das hat nichts, aber auch überhaupt nichts mit einer „kalten Technikmedizin“ oder einem „materialistisch orientierten Patientenbild“ zu tun oder was man dazu sonst noch so lesen kann.

Die Cochrane-Collaboration schreibt dazu:

„Gute Ärzte nutzen sowohl klinische Expertise als auch die beste verfügbare externe Evidenz, da keiner der beiden Faktoren allein ausreicht: Ohne klinische Erfahrung riskiert die ärztliche Praxis durch den bloßen Rückgriff auf die Evidenz „tyrannisiert“ zu werden, da selbst exzellente Forschungsergebnisse für den individuellen Patienten nicht anwendbar oder unpassend sein können. Andererseits kann ohne das Einbeziehen aktueller externer Evidenz die ärztliche Praxis zum Nachteil des Patienten leicht veraltetem Wissen folgen.“ 

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Es gibt noch einen Faktor, der hier nicht unerwähnt bleiben soll. Psychosomatik und psychosoziale Medizin sind Forschungsbereiche der wissenschaftlichen Medizin, die sich bemühen, psychische und soziale Faktoren, die für den Patienten maßgeblich sind, für die ärztliche Praxis nutzbar zu machen. Und zwar nach fundierten und nachvollziehbaren Kriterien und Erkenntnissen. Dabei sind in den letzten 10, 15 Jahren gewaltige Fortschritte erzielt worden, das wird sich auch in der ärztlichen Ausbildung in Zukunft stärker als bisher niederschlagen. Wir sehen hier den wirklichen Weg hin zu einer „ganzheitlichen“ ärztlichen Sichtweise auf den Patienten (wenn man diesen mit stets mit euphemistischem Geruch behafteten Begriff überhaupt verwenden will), nicht das, was Vertreter monokausaler Therapieformen wie Homöopathie und Akupunktur, ganz abgesehen von esoterisch angehauchten Methoden oder solchen, die Krankheiten auf den Patienten selbst zurückführen wollen, mit diesem Prädikat zu verbrämen versuchen.

Nein, die Vertreter der Heilpraktiker-Fraktion haben Empathie und Zuwendung zum Patienten, den psychosozialen Faktor, keineswegs gepachtet. Und das Wissen über den Begriff der Evidenzbasierten Medizin offensichtlich auch nicht.

Weitere Informationen zur evidenzbasierten Medizin:

http://www.ebm-netzwerk.de/was-ist-ebm/grundbegriffe/definitionen/

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