Ewiges Leben – liegt uns die Lösung im Blut?

Heute geht es mal nicht um Pseudomedizin, sondern um „echte“ Forschung. Denn für „Große Fragen“ von Zeit online und Spektrum der Wissenschaft/Scilogs (heute Liveblog ab 12 Uhr) bereite ich ein spannendes Thema vor. Unser Blut ist eine Sensation – immer mehr Informationen können Wissenschaftler daraus „ablesen“ und das sogar schon, bevor wir geboren werden. Stoffe im Blut der Mutter, Erbsubstanz(anteile) und verschiedene Eiweiße geben Auskunft, wie der Fötus sich entwickelt und ob bestimmte Fehlbildungen vorliegen. Doch Forscher können mittlerweile auch im Blut von Patienten höheren Alters viel erkennen (weit über das normale Blutbild hinaus): Ist der Mensch gesund? Wie alt ist er wirklich? Ist er krank – oder wird er bald krank werden? Droht vielleicht sogar die Gefahr, bald zu sterben? Doch natürlich interessieren sich Forscher auch für das „umgekehrte Lesen“: Kann, wenn man solche Signale erkannt und entschlüsselt hat, eingegriffen, Krankheit verhindert oder gar das Leben verlängert werden? Längst ist klar, dass das Altern kein bloßer „Verschleiß“ ist. Die Abnahme unserer vitalen Körperfunktionen und der Leistungsfähigkeit unserer Organe ist die Folge des Alterns und nicht dessen Ursache! Die Forschung nähert sich – wie so oft – hierbei kritischen ethischen Fragestellungen (die es irgendwann zu beantworten gilt), aber die potentielle Möglichkeit mittels spezieller „Blut-Codes“ in unsere eigene Zukunft zu blicken – und vor allem, sie eventuell sogar aktiv zu gestalten – reizt allemal.

Fit und gebrechlich

An der Stanford University gab es 2014 einen sensationellen Versuch (Achtung, der ist nichts für Tierversuchsgegner und hat ein bisschen was von Horror-Filmen der 70er Jahre): Alten Mäusen wurde Blutplasma von Baby-Mäusen gespritzt oder ihre Blutkreisläufe wurden mit jüngeren Mäusen direkt verbunden. Was passierte? Das „junge“ Blut wirkte tatsächlich verjüngend auf die älteren Mäuse. Die alten Mäuse hatten danach z. B. leistungsfähigere Gehirne. Der Blutaustausch hat bei den älteren Mäusen verschiedene Altersvorgänge im Gehirn nicht nur aufgehalten, sondern sogar umgekehrt. Die Behandlung steigerte nachweislich die Lernfähigkeit und Aktivität der Tiere. Das hat natürlich ein gewaltiges Interesse ausgelöst und man versucht seither zu erforschen, wie und ob man auch Menschen verjüngen kann.

Auf den Menschen übertragbar sind die Experimente – ganz abgesehen von ethischen Aspekten – (noch) nicht, obwohl intensiv daran geforscht wird. Als problematisch erweist sich die Immunreaktion, die mit Nachteilen für die Gesundheit verbunden ist. Derzeit ist eine solche menschliche „Parabiose“ nicht wirklich machbar, auch weil in jüngsten Studien das Sterberisiko der jungen Spenderpopulation erhöht war. Trotzdem irgendwie klar: In den USA gibt es Privatkliniken, die alten Menschen mit Blut von jungen Spendern für viel Geld Verjüngung versprechen – obwohl die Mechanismen und auch die Risiken längst noch nicht verstanden sind. Dort untersucht man auch Alzheimer-Patienten, denen man das Blut jugendlicher Spender gab, ob sich ihre Hirnleistung wieder bessert. Die Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht worden. Es ist auch fraglich, ob es hier zu regelhaften Veröffentlichungen kommt, da die Studie allem Anschein nach eher ein wirtschaftliches Geschäftsmodell einer Firma ist, die dabei die geltenden Arzneimittelgesetze und Ethikrichtlinien umgeht. Sollte die Firma die Therapie je außerhalb der „Studie“ anbieten, würde die amerikanische Arzneimittelagentur FDA vermutlich schnell eingreifen und die Therapie verbieten – aus ethischen Gründen.

Bereits seit den 1950er Jahren wird an der „heterchronischen Parabiose“ geforscht. Man versucht zu verstehen welche Stoffe zu der Verjüngung geführt haben, wo sie produziert werden im Körper, warum sie nicht mehr produziert werden, wenn man altert und ob man daraus auch Medikamente machen kann. Welche Faktoren für die Wirkung verantwortlich sind, ist unklar. Die Effekte scheinen aber im Gehirn über das Protein CREB (cyclic AMP response element binding protein) vermittelt zu werden. CREB ist z. B. ein Vermittler der Signal-Transkriptions-Kopplung von Wachstumsfaktoren und führt zur Verstärkung von Synapsen und damit zu erhöhter Lernleistung. Auch ein Protein (Peptid) mit dem Namen TIMP-2 scheint eine Rolle zu spielen. Der Wissenschaftler Peter de Keizer von der Erasmus Universität in Rotterdam forscht daran, das Altern zu verstehen und aufzuhalten. Auch er forscht mit Mäusen: Er gab alten Mäusen, denen bereits das Fell ausgegangen war und die eine eingeschränkte Nierenfunktion hatten, über einen Zeitraum von mehreren Wochen TIMP-2. In den folgenden Wochen wuchs den Mäusen wieder mehr Fell, sie waren aktiver und ihre Nierenfunktion besserte sich – sprich, sie wurden wieder jünger.

Was ich auch spannend fand: Je älter wir werden, umso mehr „seneszente Zellen“ haben wir. Sozusagen „schlafende Zellen“. Sie teilen und regenerieren sich nicht mehr so schnell wie „fitte“ Zellen. Jetzt wäre es für die Medizin natürlich toll, wenn man „böse Krebszellen“ in die Seneszenz bringen könnte und andere Zellen dafür wieder „fit“ machen könnte. Allerdings zeigte sich, dass seneszente Zellen besonders schlecht auf Chemotherapien ansprechen. Ein Ansatz – aber wirklich klar ist bislang keineswegs, wie man Krebs und Altern auf diese Weise aufhalten kann.

Männer altern übrigens in der Tat etwas schneller und sterben statistisch gesehen etwas früher als Frauen. Daran forschen ebenfalls Universitäten auf der ganzen Welt. Man fand heraus, dass – neben einem meist leicht ungesünderen Lebensstil der Männer – auch Stoffe im Blut dafür verantwortlich sind. Allerdings zeigte sich auch, dass Frauen nach der Menopause schnell aufholen im Alterungsprozess.

Ganz wichtig bei der Frage nach dem „ewigen Leben“ und seiner Gestaltung ist „Horvaths Uhr“: Steve Horvath, ein Biomathematiker, Humangenetiker und Biostatistiker an der University of California in Los Angeles, hat eine verblüffend präzise „Uhr“ in unserem Körper gefunden. An fast jeder Zelle lässt sich laut seiner Forschung ablesen, wie alt wir biologisch wirklich sind – und zwar auf wenige Monate genau. Das Methylierungsmuster von Genen regelt normalerweise, wie Gene abgelesen werden, aber es lässt sich auch nutzen, um das biologische Alter eines Menschen zu bestimmen.

„Horvaths Uhr“ funktioniert über gut erforschte Mechanismen der „Epigenetik“ – chemischen und strukturellen Veränderungen am Erbgut, die nicht die DNA beeinflussen, sondern bestimmen, wie die Gene gelesen werden. Dafür bedeutsame Methylierungs-Markierungen werden auch weitergegeben, wenn sich Zellen teilen. Je älter Zellen werden, umso mehr verändern sich diese Methylierungsmuster – und das ist messbar mit Horvaths Programmen. Horvaths Methode bietet viele Anwendungsmöglichkeiten, z. B. in der Forensik oder der Medizin. Weil die Methylierung der DNA reversibel ist, könnte es theoretisch möglich sein, das Voranschreiten des Alterns aufzuhalten. Funktionieren soll das über sogenannte Reprogrammierung/Demethylierung: Dadurch kann man die Lebensuhr quasi auf die Stunde null zurückstellen. Die Frage, ob das nicht nur im Labor und bei Mäusen, sondern auch beim lebenden Menschen gelingt, ist noch ungeklärt. Bei Mäusen gelang es aber auch durch spezielle Futterzusätze, diejenigen Gene zu aktivieren, die Verjüngung auslösen (Reprogrammierung von Zellen in Richtung Embryo).

Jedoch sind sich beileibe nicht alle Wissenschaftler einig, ob das epigenetische Alter den Beginn von Krankheit und Altersschwäche besser vorhersagen kann als das kalendarische Alter! Hier wird es noch viel weitere Forschung brauchen. Siehe dazu auch hier.

Klar ist hier immer auch die Frage zu stellen, was wir Menschen wollen, wo wir uns hinbringen wollen. Wollen wir ewig leben? Wollen wir das Maximale, was geht? Oder gibt es Grenzen, an denen die Ethik (und auch unser Wunsch) den Möglichkeiten der Wissenschaft entgegen steht? Der oben genannte Forscher de Keizer sieht das Ganze recht nüchtern. Man könne seine Arbeit prinzipiell auch mit der von Kfz-Mechanikern vergleichen. „Wenn man ein Auto hat, dann gibt es zwei Möglichkeiten, wie man damit umgeht: Entweder man pflegt es sehr gut, oder man lässt von Mechanikern einfach die kaputten Teile austauschen.“. Doch noch ist unklar, ob „ausgetauschte kaputte Teile“ auch automatisch „langes und gesundes Leben“ bedeuten. Wir sind halt doch keine Autos. Und ich habe in meiner Zeit als geriatrische Ärztin selten erlebt, dass alte Menschen unendlich oder auch nur länger leben wollten. Im Gegenteil, oft wünschten sie sich einen baldigen und friedlichen Tod. Doch das ist ein anderes (großes!) Thema.

Am „ewigen Leben“ sind wohl eher noch jüngere Menschen, ohne große Gebrechen, interessiert. Ich sehe hier die Gefahr, dass sich Pseudomediziner auf dieses Interesse stürzen und bislang sehr unklare Forschungsergebnisse für sich instrumentalisieren und Patienten gegenüber unlauter ausschlachten. Bei der Eigenbluttherapie sind wir ja schon – was kommt als nächstes? Die Jungbluttherapie? Passen wir darauf auf, dass hier neben den ethischen Problemen, die nicht zu unterschätzen sind, nicht noch pseudowissenschaftliche auf uns zukommen.

Natalie Grams
Der Artikel wurde auch beim Humanistischen Pressedienst veröffentlicht.

Eine Zusammenfassung des Liveblogs gibt es bei Zeit online.

 

 

Zum Weiterlesen:

Zeit online Große Fragen: http://www.zeit.de/wissen/2017-08/grosse-fragen-wissenschaft-leben-universum-menschheit-scilogs

http://www.zeit.de/2017/15/unsterblichkeit-wissenschaft-usa-steve-horvath/komplettansicht

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27874859

https://www.ucsf.edu/news/2014/05/114111/signs-brain-aging-are-reversed-mice

https://www.aerzteblatt.de/blog/58533/Junges-Blut-macht-alte-Maeuse-klueger

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/62872/Wie-junges-Blut-die-Knochenheilung-im-Alter-foerdert

https://www.aerzteblatt.de/blog/69877

http://www.huffingtonpost.de/2017/04/08/forscher-medikament-leben_n_15848374.html

 

Buchtipp: Das Leben lesen – Was das Blut über unsere Zukunft verrät. Droemer, März 2017,

„Mit Hochdruck entwickeln Labore derzeit neue Testverfahren, die bislang verborgene Informationen im Blut lesbar machen und sehr viel früher als bisher mögliche Erkrankungen anzeigen – und das mit einer sehr viel höheren Zuverlässigkeit und einer vergleichsweise geringen Belastung und einem niedrigen Risiko für die Test-Personen. Ulrich Bahnsen macht diese einschneidende Entwicklung anhand konkreter Beispiele zur Krebs-Früherkennung (u.a. als Mammographie-Ersatz), zur vorgeburtlichen Diagnostik (Pränatal-Diagnostik) und zur Forschung über die biologischen Prozesse des Alterns („Innere Uhr“) deutlich. Vor allem aber konfrontiert er uns mit den Fragen zur Ethik, die diese Revolution in der Medizin aufwirft: Wie werden wir mit diesem Wissen umgehen (Stichwort Lebensführung)? Wie können wir entscheiden, was wir wissen wollen und was nicht (Stichwort Eigenverantwortung)? Und was geschieht, wenn diese Informationen in falsche Hände geraten (Stichwort Daten-Missbrauch)? Schon heute kämpfen Pharma-Unternehmen um die Anteile an diesem Markt, der gewaltige Gewinne verspricht…“.

 

Bild: Fotolia_135161510_XS.jpg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

One Response
Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.