Der Trugschluss der „Globalen Erklärung“

… oder: Einfaches, Falsches und Hypes

Ganz einfach – oder… ?

Komplex ist eben nicht einfach

In ihrer Untersuchung zu Mitläufereffekten („Bandwagons [1]) in der Medizin haben Cohen und Rothschild [2] festgestellt, dass nicht nur Patienten, sondern ebenso Ärzte oft eine neue Idee einfach deshalb akzeptieren, weil sie eben eine neue Idee ist, die Verlockung einer einfachen Lösung für ein komplexes Problem.

Man wird hierin H.L. Menckens [3] Diktum [4] empirisch bestätigt sehen, wonach es für jedes komplexe Problem eine Lösung gibt, die sich durch folgende Eigenschaften auszeichnet: Einfach, plausibel und falsch.

Ich möchte hiervon ausgehend auf einen Spezialfall dieser Art von Trugschlüssen hinaus: Man könnte ihn den „Trugschluss der globalen Erklärung“ nennen. Damit ist eine Erklärung gemeint, die insofern einfach ist, dass sie ihren Schwerpunkt auf das Allgemeine, den Grundsatz, den Ursprung, auf einen dogmatischen Urgrund legt, damit der allgemeinen Neigung zu einfach, direkt und – falsch entgegenkommt und so imstande ist, einen Hype, aber auch einen langlebigen Trend zu erzeugen. Solche pauschalen Erklärungen und Theorien sind kennzeichnend für die Pseudomedizin. Aber nicht nur, wie wir im Folgenden sehen werden.

Zum Beispiel basiert die Homöopathie auf den bekannten drei Grundprinzipien des Simile (Ähnliches heilt Ähnliches), der Arzneimittelprüfung am Gesunden und der Wirkungszunahme ihrer Mittel durch Potenzierung. Sie lässt dabei jeden Gedanken an Krankheitsentstehung und -verläufe völlig außer Acht, kennt nicht einmal den Krankheitsbegriff, und verspricht dem Patienten, auf so einfache und scheinbar einsichtige Art und Weise seine Symptome zu beseitigen. Verführerisch für Mediziner wie Patienten (worauf schon Heinroth 1825 im Anti-Organon zutreffend hinwies [5]) – und eben deshalb nicht sofort sichtbar das Falsche. Hahnemanns Gefolgschaft erlag genau wegen dieser Einfachheit und Scheinplausibilität, verbunden mit dem Reiz des Neuen, dem Mitläufereffekt – und tut dies bis heute. Die Selbsttäuschung darin hat immerhin mehr als 200 Jahre gehalten und baut heute noch Bollwerke gegen die schlichte Einsicht, dass die Homöopathie eine Irrlehre ist, als die sie schon zu ihrer Entstehungszeit von kritischen Geistern entlarvt wurde. [6] [7] [8] [9]

Ein weiteres Beispiel für einen „Hype“, der auf eine „einfache und direkte“ Erklärung zurückgeht, ist der von einem Vorläufer Hahnemanns, John Brown (1735-1788) begründete Brownianismus [10]. Der stellte nun gleich eine doppelte Vereinfachung dar. Brown lehrte, dass jede Krankheit nur entweder eine Reizüberflutung (sthenia) oder eine Reizhemmung (asthenia) sei und postulierte gleich passend dazu, dass beides nach dem Grundsatz „Gleiches kuriert Gleiches“ behandelt werden müsse.

Entsprechend den damaligen Zeiten der „heroischen Medizin“ waren die Kuren entsprechend: Die jeweiligen Behandlungen bestanden entweder in Gaben von Opium oder in solchen von Alkohol, und zwar in massiven Dosen. Sehr einfach, höchst einleuchtend und – fatal falsch.

Das System wurde von den Ärzten (vor allem in Deutschland) begeistert angenommen. Nach Ansicht des Medizinhistorikers J.H. Baas war diese Behandlung „verantwortlich für mehr Tote als die Französische Revolution und die Napoleonischen Kriege zusammen“. [11] Ein Hype par excellence.

Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde aus dem Schlagwort „Belastung“ eine beliebte „monokausale“ Erklärung für viele Krankheiten: Herzbelastung, Herzmuskelschmerzen, Herzrhythmusstörungen, Beschwerden des Iliosakralgelenks (vorher fast unbekannt) oder „Augenbelastung“ als Hauptursache für Kopfschmerzen und vieles mehr. Später im 20. Jahrhundert wurde „Belastung“ durch den eindrucksvolleren Begriff „Stress“ ersetzt, ein Konzept, das sich zu extremer Popularität entwickelte, nachdem Hans Selye es 1936 zum Herzstück seines „Allgemeinen Adaptionssyndroms[12] gemacht hatte, mit dem es möglich war, scheinbare Stress-Leitsymptome auf fast jedes Krankheitsbild zu projizieren. Der „Erfolg“ dieses Konzepts war, dass aufgrund dessen sehr viele Ärzte, Patienten und auch Nichtpatienten „Stress“ als ursächlich für beinahe jede pathologische Diagnose wie koronare Herzkrankheit, Krebs, Colitis ulcerosa, Magengeschwüre und viele andere Erkrankungen auch im psychischen Bereich geradezu verinnerlichten (und dies vielfach bis heute tun). Das Dogma des übersäuerungsbedingten Stress-Magengeschwürs fiel erst mit der Identifizierung des Bakteriums helicobacter pylori als dem Hauptverursacher. Dafür gab es immerhin 2005 den Medizinnobelpreis. [13]

Skrabanek und McCormick meinen in ihrer Monografie über „Follies and Fallacies in Medicine“ zum Stress-Syndrom, man müsste zurück bis zu Galen [14] gehen, um eine ähnlich grandiose Konzeption zu finden, die keine umfassende Erklärungskraft hat, aber alles zu erklären scheint. [15]

Gern angenommene, sich verbreitende und erhaltende pauschale Trends und Hypes wie den um „Positive Thinking“ [16] , der Glaube an eine -nicht vorhandene- „Krebspersönlichkeit“ [17] wie auch der Natürlichkeitswahn der Gegenwart zeigen, dass H.L. Menkens eingangs zitiertes Diktum auch heute noch ungebrochen gültig ist. All dies, genau wie auch der Hang zu den pseudomedizinischen Heilslehren, ist der wenig rationalen Suche nach der monokausalen, also einfachen, direkten (und wirklich meist falschen) Erklärung und der Flucht vor der nicht fassbaren, sich dem eigenen Einfluss entziehenden Multikausalität einer immer komplexeren Welt geschuldet, gerade in Fragen der Gesundheit. Dies ist, wie gezeigt, nicht neu – und nicht zu rechtfertigen.

 

Evidenz und was man dafür hält

Auch wenn es zunächst nicht sonderlich auffällt: Der vorangegangene Abschnitt hat eine Menge mit „Evidenz“ zu tun.

Evidenz ist ein zunächst neutraler Begriff. Er bedeutet, dass etwas offensichtlich, augenscheinlich, auf der Hand liegend ist, dass man an einer Einsicht in etwas schlechterdings nicht vorbeikommt. Auch die Mediziner der eben beschriebenen Zeit waren überzeugt, gerade wegen der „einfachen und direkten“ Erklärungen ihrer vermeintlichen Grundlagen „Evidenz“ zu sehen. Es leuchtete ihnen ein, und nicht nur ihnen. Wir sehen also, dass es mit einer einfach angenommenen Evidenz, mit dem Gefühl, etwas leuchte ein und habe den offensichtlichen Anschein der Richtigkeit für sich, längst nicht getan ist. Mir scheint nach vielen Gesprächen und Erfahrungen der letzten Zeit, dass ein so missverstandener allzu subjektiver Evidenzbegriff vielen, wenn nicht den meisten Anwendern pseudomedizinischer Methoden -auf Therapeuten- wie auf Patientenseite- eine trügerische Selbstlegitimation verleiht. Zudem oft auch noch die Überzeugung, der geschmähten „Schulmedizin“ gleichwertig oder gar überlegen zu sein. Das ist aber, wie wir gesehen haben, das fatale Denken in den Mustern des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, in den Kategorien der idealistischen und der romantischen Medizin.

Kürzlich begegnete mir die Äußerung, jeglichem Menschen mit einem Intelligenzquotienten „von einem gewissen Grad aufwärts“ müsse die Homöopathie doch „unmittelbar einleuchten“. Zweifellos sollte diese Aussage als Ausdruck einer „Evidenz“ verstanden werden. Dieses Statement dürfte allerdings eher ein Bespiel dafür sein, dass Evidenz nicht aus purer Subjektivität entstehen kann, nicht aus dem Anspruch, dass das Gegenüber einer Behauptung zu glauben habe, deshalb, weil der Behauptende sie für richtig hält. Um auf eine Formulierung von Skrabanek und McCormick aus dem vorigen Abschnitt zurückzukommen: Evidenz ist eben noch lange nicht das, was alles zu erklären scheint, aber keine Erklärungskraft hat.

Evidenz so, wie die moderne Medizin (und die Wissenschaft insgesamt) den Begriff versteht, setzt sowohl eine einwandfreie Beleglage als auch logische Widerspruchsfreiheit dessen voraus, was als evident anerkannt werden soll. Evidenz ist nicht einfach da. Evidenz ist vor allem nicht subjektiv, sie ist mehr als nur eine Meinung oder das Ergebnis eines oberflächlichen, von Selbstbestätigungsmechanismen geprägten Eindrucks.

 

Evidenz aus Logik

Evident kann nicht nur eine positive, bestätigende Wahrnehmung sein, sondern auch ein Ausschluss von Optionen und Möglichkeiten, eine sich zwingend aufdrängende Unmöglichkeit. Bei dieser Art „negativer“ Evidenz spielt die formale Logik eine große Rolle. Auf diesem Weg kommen wir zu einer grundlegenden Betrachtung von pseudomedizinischen Methoden, die seit jeher ihr Überleben dem anfangs erläuterten bandwagoning, dem Mitläufereffekt in der Medizin verdanken. [18]

Sie kennen vielleicht das Argument der Religionskritik, dass die Vielzahl der mit einem alleinigen Wahrheitsanspruch auftretenden Religionen an sich bereits das schlagende Argument gegen ihre Gültigkeit sei. Aus ihrem Vorhandensein folgt nach logischen Prinzipien (Kontrarietät), dass entweder alle falsch sein müssen  – oder (höchst unwahrscheinlich) nur eine richtig. Diesem Verdikt könnte nur eine Religion ohne Alleingültigkeitsanspruch entgehen, eine in ihren Möglichkeiten offene, aber nicht entgrenzte Religion, wie sie beispielsweise das Römische Reich vor der Christianisierung pflegte, indem die Gottheiten der ins Reich aufgenommenen Völker auch in den Götterhimmel der Römer inkorporiert wurden.

 

Was hat das nun mit Pseudomedizin zu tun?

Nun, sehr viele pseudomedizinische Methoden sind dogmatisch in dem Sinne, als dass sie ein monokausales Bild von Krankheitsentstehung und Heilungsversprechen zeichnen. Sie machen damit das verführerische Angebot der einfachen und direkten Erklärung von Krankheit und Genesung und gehen damit so tief an die Grundlagen, dass dadurch ein logisches (konträres) Ausschlusskriterium gegenüber „konkurrierenden“ Methoden entsteht. Nicht umsonst bezeichnet man solche scheinbar tiefgründigen, aber letztlich auf pauschale Vereinfachung und Alleingültigkeit hinauslaufenden Erklärungsmodelle als „Heilslehren“. Man sollte sich das immer vergegenwärtigen, besonders dann, wenn solche „Methoden“ versuchen, sich als „komplementär“ zur wissenschaftlichen Medizin und -im angeblichen Gegensatz zu dieser- als „ganzheitlich“ anzudienen und damit das Vertrauen der Patientenschaft zu erlangen. Wie soll dies aus Sicht einer Methode, die von sich überzeugt ist, den medizinischen Stein der Weisen zu besitzen, überzeugend oder gar redlich sein?

Werfen wir einen Blick auf einige Beispiele bekannter medizinischer Heilslehren. Wir beschränken uns dabei auf kurze Erklärungen der dogmatischen Ansätze dieser Lehren, die für ihre gegenseitige logische Ausschließung wichtig sind. Die Widerlegung der einzelnen Lehrgebäude für sich ist hier nicht unser Thema.

 

  • Arzneimittellehren:

Homöopathie nach Hahnemann postuliert als alleinige Ursache von Krankheitserscheinungen (Krankheiten im heutigen Sinne kennt sie nicht, nur Symptome) eine „Verstimmung der geistigen Lebenskraft“, die mit einer gegenläufig wirkenden „geistigen Arzneikraft“ zu korrigieren sei.

Wilhelm Schüßler postulierte als alleinige Ursache von Krankheiten einen Mineralstoffmangel (zudem den Mangel ganz bestimmter Mineralien) auf Zellniveau und bietet das ultimative Sortiment für einen Ausgleich dessen passend in Form seiner „Schüßler-Salze“ an. Was Schüßler als „Weiterentwicklung“ von Hahnemanns Homöopathie empfand, aber keineswegs der Zentralverein homöopathischer Ärzte, der ihn wegen seines „Umstiegs“ von der geistigen Lebenskraft auf „biochemische Grundlagen“ ausschloss.

Edward Bachs System der Bachblüten sucht Krankheitsursachen ausschließlich in emotionalen Auffälligkeiten bestimmter Persönlichkeitstypen, deren Systematik selbstverständlich seiner ganz persönlichen Einschätzung unterlag. Seine Heilmethode beruht darauf, diesen Persönlichkeitstypen nach seiner persönlichen Intuition Heilpflanzen zuzuordnen. Die Homöopathie war in seinen Augen eine Irrlehre. Was in dieses Dogma nicht passen wollte, ordnete Bach schlicht dem Darm als Krankheitsauslöser zu.

Homotoxiologie nach Reckeweg geht davon aus, dass alle Krankheiten ausschließlich Reaktionen des Körpers auf andauernd einwirkende Giftstoffe sind. Der Körper kämpft gegen diese Gifte an und möchte sie ausscheiden. Akute Krankheiten werden als erfolgreiche Ausscheidungsphasen gedeutet, chronische Krankheiten sollen entstehen, wenn das Entgiften nach und nach nicht mehr vollständig gelingt. Erstaunlicherweise sah auch Reckeweg seine Lehre als Weiterentwicklung der Homöopathie.

 

Wir dürfen nach diesen Beispielen schon einmal kurz innehalten und uns vergegenwärtigen, in welcher trauten Eintracht die Mittelchen dieser populären Pseudomedizinen in den Apotheken nebeneinander stehen und mitunter gleichzeitig vom werten Publikum nachgefragt und ihm auch so verkauft werden – ohne dass irgendjemand einen Gedanken daran verschwendet, dass diese vier Methoden sich wegen ihrer völlig unterschiedlichen dogmatischen Ansätze gegenseitig ausschließen (ihre einzige Gemeinsamkeit liegt in ihrer Unwirksamkeit).

 

Aber die Galerie der dogmatischen Krankheitsdeuter und Heilslehrer geht noch weiter:

  • Manuelle Lehren

Osteopathie postuliert nach seinem Begründer Andrew Taylor Still, dass es für sämtliche Krankheiten keinerlei andere Heilung als die durch die Selbstheilungskräfte („Selbstregulationsfähigkeit“) des Körpers gebe, somit eine Heilung „von außen“ unmöglich und die Osteopathie die einzige Methode sei, gestörte Funktionen zu erkennen und zu beheben.

Chiropraktik definierte der Begründer D.D. Palmer als „Heilen ohne Medikamente“ und ging davon aus, Erkrankungen seien auf Fehlstellungen innerhalb der Wirbelsäule zurückzuführen. Er will damit Taubheit, Asthma, Blindheit und mehr geheilt haben.

 

  • Okkulte / vitalistische Lehren

In der Anthroposophie entspringen Krankheiten nach der okkulten Lehre Rudolf Steiners einer „Disharmonie der Wesensglieder“, des physischen Leibs (Körper), des Ätherleibs (lebenserfüllte Geistgestalt), des Astralleibs (Seele) und des „Ich“, letzteres als dem spezifisch „menschlichen“ Anteil an der Wesenheit Mensch.

Traditionelle Chinesische Medizin ist ein Konglomerat aus traditionellen Heilweisen unterschiedlichster Art und schlicht „erfundenen“ Pseudomethoden, die zur Zeit der Kulturrevolution mangels anderer Möglichkeiten als Gesundheitsversorgung der Bevölkerung eingesetzt wurden, zudem heute in westlichen Formen assimiliert, die mit wirklicher traditioneller Heilkunde Chinas wenig zu tun haben. Die meisten der darin verbundenen Ansätze vereint die Annahme der Regulierung einer imaginären, im Falle von Krankheit aus dem Gleichgewicht geratenen Lebenskraft („Qi“).

Die Zahl an Deutungs- und Erklärungsmodellen zur Akupunktur, einem verselbständigten Zweig der TCM, ist kaum noch überschaubar. Grundlegend bleibt festzuhalten, dass ihr ursprünglicher Ansatz war, Krankheiten durch die „Ableitung“ von falschem, blockiertem oder überschüssigem „Qi“ (imaginäre Lebensenergie) mittels Wiederherstellung eines harmonischen Gleichgewichts der körperlichen „Energien“ zu heilen (Yin-Yang-Prinzip).

Nach dem Begründer des Reiki, Mikao Usui, beruht die Lehre auf der Annahme eines Ki (Chi) als unpersönlicher Natur- und Seelenkraft, die als Energie die ganze Welt durchwirkt und die Grundlage des Lebens bildet. Krankheiten sind ein Mangel an dieser Energie, Reiki-Heiler sollen sie durch das ritualisierte Auflegen ihrer Hände auf den Körper übertragen. (Wir sehen hier schon einen bezeichnenden Widerspruch zu einer anderen Lebensenergielehre, der Akupunktur: Dort soll Qi blockiert und überschüssig oder gar falsch sein und demzufolge „abgeleitet“ werden, Reiki will „fehlende“ Energie „einleiten“).

 

  • Pseudopsychologische Ansätze

Die sogenannte „Germanische Neue Medizin“, kurz GNM nach Ryke Geerd Hamer postuliert, alle Erkrankungen bei Mensch (und Tier) seien Folge von so genannten „biologischen Konflikten“, zwangsläufig sich körperlich (verzögerungslos) niederschlagenden Auswirkungen von Einwirkungen auf die Psyche und seien nur durch Beseitigung dieser Konflikte heilbar.

Die Lehren der assoziativen Krankheitssymbolik vertreten Konzepte (Dahlke und Tepperwein), die eine Art primitiver Psychosomatik als alleinige Ursache für Krankheiten postuliert. Ausnahmslos allen Krankheiten soll eine geistig/seelische „Fehlhaltung“ zugrunde liegen, die der Therapeut rein intuitiv erfassen und dem Patienten nahebringen will – und diesen damit auch noch zum „Verantwortlichen“ für seine eigene Krankheit macht.

 

Kann fortgesetzt werden.

Ja was denn nun?

Es sollte einleuchten, dass all diese Ansätze wegen ihrer spezifischen Deutungsmodelle für Krankheit und Heilung miteinander unvereinbar sind. Sie vertreten jeweils eine „Selbstimmanenz“, einen hermetisch in sich abgeschlossenen Erklärungskanon, dem die Nichtvereinbarkeit mit dem „externen“ Erkenntnisstand gleichgültig ist. Dies hat nun einmal den Preis, dass alle diese Ansätze ohne externe Plausibilität falsch sein müssen – oder nur einer ist richtig. Neigen Sie ungeachtet ihrer Unwahrscheinlichkeit der zweiten Möglichkeit zu, sollten Sie sich fragen, ob Sie eine Wette auf die These des „einen richtigen“ Ansatzes abschließen würden.

Manche dieser Methoden -wenn nicht die meisten- werden heute in veränderter und / oder abgeschwächter Form praktiziert, was gern als „Weiterentwicklung“ etikettiert wird. All dies ist durchweg als reiner Pragmatismus anzusehen, um die Methode als solche am Leben zu erhalten. Wie sollte aus einer zwangsläufig falschen Grundannahme durch „Weiterentwicklung“ etwas Sinnvolles, Belastbares entstehen? Ex falso sequitur quodlibet – aus Falschem folgt Beliebiges. Wobei das Falsche falsch bleibt.

Ist es nicht haarsträubend, zu sehen, dass „Ausübende der Heilkunde“ -seien es Heilpraktiker oder leider auch Ärzte- ganze Portfolios aus solchen miteinander unvereinbaren Heilslehren, zudem noch in abenteuerlichsten Varianten, offerieren?

Mit Blick auf unsere Ausgangsthese sei auch anderes nicht übersehen: Die Vielzahl von Methoden, die man als simplifizierte Varianten schulmedizinischer Verfahren ansehen kann, die Pseudopharmazie mit herbeifantasierten Mitteln wie dem zu trauriger Berühmtheit gelangten Aprikosenkernextrakt oder dem ominösen „Vitamin K-Hype“ oder auch die Versprechen einer Heilung schwerer und schwerster Krankheiten nur durch Ernährung oder Vitamin-/Mineralstoffgaben. Auch dies ist alles H.L. Menkens Verdikt von einfach, plausibel und – falsch zuzuordnen. Da das „falsch“ nicht wahrgenommen wird, vertraut man dem „einfach und plausibel“ nur allzu gern – das bandwagoning beginnt.

 

Und die wissenschaftliche Medizin?

Welche Position nun nimmt dabei die wissenschaftliche Medizin ein? Sie entgeht dem logischen Verdikt der Unvereinbarkeit von Allgültigkeitsansprüchen, weil sie undogmatisch ist. Die Medizin ist offen für alles, was nach ihren Maßstäben eine Wirksamkeit und einen Nutzen für den Patienten belegen kann, wobei ihr die Herkunft des Mittels oder der Methode herzlich gleichgültig ist. Sie entgeht dem Verdikt der gegenseitigen Unvereinbarkeit auch, weil sie eine offene Methode ist, kein „Glaube“, kein „Religionsersatz“ oder als was man sie auch immer fälschlich ansehen mag. Sie kennt eine weit gefächerte Ätiologie, eine Lehre von Krankheitsentstehung und -verlauf, die auf multikausalen differenzierten Ansätzen beruht, die sich täglich bewähren und gemäß dem wissenschaftlichen Prinzip ebenso täglich verfeinert, verbessert und erweitert werden. Damit führt sie jede monokausal begründete Heilslehre, ob arzneimittelorientiert, okkult oder auf imaginären Lebenskräften (Vitalismus) beruhend, ad absurdum. Und sie kommt, trotz oder auch wegen ihrer großen Fortschritte, ohne all die unbelegten und oft transzendenten Annahmen aus, die all die pseudomedizinischen Methoden so scheinattraktiv machen – als einfache, direkte und – falsche Erklärungen.

Wir dürfen der wissenschaftlichen Entwicklung dankbar dafür sein, dass sie den pseudomedizinischen Verfahren den Freiraum streitig macht, der zu Auswüchsen wie denen von Baas beschriebenen beim Brownianismus führen kann. Leider wird solchen Irrationalitäten noch hier und heute ein Raum und eine öffentliche Glaubwürdigkeit eingeräumt, was mit dem Denken des 18. Jahrhunderts zwar erklärt, aber im vielbeschworenen Bildungs- und Wissenschaftszeitalter längst nicht mehr gerechtfertigt werden kann. Wir solten nicht zulassen, dass die wissenschaftliche Medizin für ihre Gegenposition auch noch kritisiert und -unter grotesker Verdrehung der Begriffe- als „Schulmedizin“ [19] und „wissenschaftsdogmatisch“ [20] diffamiert wird.

Im Medienzeitalter – was tun?

Die Neigung zu den monokausalen -also den einfach, einleuchtend und – falsch begründeten Heilslehren und ihren Versprechungen (nicht nur in der Medizin) wird niemals verschwinden. Aber in einer Bildungs- und Mediengesellschaft sollte es möglich sein, dem gezielt entgegenzuwirken.

Die Multikausalität und die Komplexität der heutigen medizinischen Lehre dürfen nicht als Negativum wahrgenommen werden, sondern als das, was sie sind: Ausdruck eines zunehmend vertieften Verständnisses, einer immer größeren Annäherung an eine nun einmal hochkomplexe Wirklichkeit. Evidenzbasiertes Expertenwissen ist heute der Gegenpol gegen die Flucht ins Einfache, Direkte und Falsche – einschließlich der Mittel zur Verfügbarkeit dieses Wissens, was erstmals im gegenwärtigen Medienzeitalter überhaupt möglich ist.

Der gleiche Trend zu einfachen, plausiblen und meist falschen Erklärungen, der seit der vorwissenschaftlichen Zeit (nicht nur) bei der Medizin imstande war, Hypes auszulösen und oft lange zu erhalten, ist auch heute noch am Werk. Ja, die Komplexität heutigen Wissens befördert das noch, weil diese ein Gefühl von Autonomieverlust mit sich bringt, das durch die schnellen, einfachen und scheinbar evidenten monokausalen Erklärungen medizinischer Heilslehren ein scheinbares Gegengewicht erfährt. Dafür wird der Preis von Irrationalität und Misstrauen gegen Expertenwissen offenbar allzu gern gezahlt. Wenn man sich fragt, wieso ausgerechnet im Gesundheitsbereich, wo es um einen selbst geht, um ein menschliches Kernanliegen – dann muss man eigentlich sagen: Wahrscheinlich wirken diese Dinge dort erst recht, weil dort der Autonomieverlust als besonders stark empfunden wird.

Nur am Rande sei angemerkt, dass diese Mechanismen sich natürlich nicht auf den medizinischen Bereich beschränken. Oft genug kommt es selbst innerhalb der wissenschaftlichen Community dazu, dass der eine oder andere der Verlockung der Einfachheit erliegt und mit einer „globalen Erklärung“ einen Trugschluss produziert. [21] Dort allerdings gibt es wegen der weltweiten Vernetzung der Wissenschaftsgemeinde und der Verständigung über einen gemeinsamen Wissenschaftsbegriff inzwischen immanente Korrekturmechanismen, auf die man sich verlassen kann.

Die Chancen des Medienzeitalters, der Verbreitung von Falschem unter dem Deckmantel des Einfachen und Einleuchtenden entgegenzuwirken, müssen genutzt werden. Korrekturmechanismen wie innerhalb der wissenschaftlichen Community gibt es im Alltag nicht oder kaum. Wir brauchen deshalb weit mehr als bisher eine Verständigung zwischen (Medizin-)Wissenschaft und dem Publikum. Dabei sehe ich die Wissenschaft (im weitesten Sinne, als die Summe der Informierten) durchaus in einer Bringschuld. Wir brauchen vertrauensbildende Maßnahmen. Wir brauchen Aufklärung, wir brauchen entschiedenes Auftreten gegen Irrationalität und Bauernfängerei. Wir brauchen mehr und bessere Methoden der Wissenschaftskommunikation. Dazu gehört auch ein guter und verantwortlicher Wissenschaftsjournalismus. Projekte wie die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) [22], das Informationsnetzwerk Homöopathie [23] mit seinen Angeboten auf verschiedenen Ebenen, das Recherchenetzwerk Correctiv [24], das den Schwerpunkt „Alternativmedizin“ im Portfolio hat, die Initiative des Münsteraner Kreises [25] pro evidenzbasierte Medizin im Gesundheitswesen oder das am Start befindliche Projekt MedWatch [26], einem Portal für Faktencheck zu Gesundheitsinformationen, lassen hoffen, dass mit den Möglichkeiten des Medienzeitalters Brücken gebaut werden können, die stärker sind als die überkommenen Strukturen des einfachen und schnellen Denkens. Wenn es auch manchmal schwer erscheint.

Was aber auch vonnöten ist: Das Vertrauen des Publikums und eine minimale Bereitschaft seinerseits, sich mit den Fragen des modernen Lebens vorurteilsfrei auseinanderzusetzen. Hier ist wohl das Bildungssystem mehr als bisher gefordert. Gute und wissenschaftsbasierte Medizin darf nicht länger gegen irrationale Heilslehren, Beliebigkeits- und Wünschdirwas-Medizin ausgespielt werden. Nicht von den Proponenten der Pseudomedizin, nicht von der Politik und auch nicht vom leider noch allzusehr dazu geneigten Publikum.

 

TL;DR

Wie einfache Lösungen komplexer Probleme fast immer falsch sind, gleichwohl große Anziehungskraft ausüben, dadurch Mitläufertum in Fachwelt und Publikum erzeugen und Hypes anfachen, die sehr lange anhalten können.

Wie einfache monokausale Erklärungen -in der Pseudomedizin für den Grundsachverhalt der Erklärung von Krankheit und Heilung- sich logisch gegenseitig ausschließen und die moderne Wissenschaft diesem Ausschluss durch undogmatisches Vorgehen und die Suche nach differenzierten mulitkausalen Erklärungsmodellen entgeht.

Wie dem Trugschluss der globalen Erklärung und der Entfremdung der Fach- von der Laienwelt mit allen ihren verhängnisvollen Folgen im Medienzeitalter begegnet werden kann und soll, als Bringschuld bei der Wissenschaft, aber auch als Holschuld beim Publikum.

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Leseempfehlung zum Thema:
Grams, Natalie: Gesundheit! Ein Buch nicht ohne Nebenwirkungen, Springer Heidelberg 2017

 

Referenzen:

[1] https://sites.google.com/site/skepticalmedicine//cognitive-biases#TOC-Bandwagon-effect-
[2] The Bandwagons of Medicine; Lawrence CohenHenry Rothschild; aus: Perspectives in Biology and Medicine Volume 22, Number 4, Summer 1979 (pp. 531-538 | 10.1353/pbm.1979.0037)
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/H._L._Mencken
[4]Explanations exist; they have existed for all time; there is always a well-known solution to every human problem — neat, plausible, and wrong.” In: „The Divine Afflatus“ in New York Evening Mail (16 November 1917); later published in Prejudices: Second Series (1920) and A Mencken Chrestomathy (1949) – via Wikiquote (https://en.wikiquote.org/wiki/H._L._Mencken)
[5] Heinroth, Joh.Chr.Aug., Anti-Organon oder Das Irrige der Hahnemannischen Lehre im Organon der Heilkunst. C.H.F. Hartmann, Leipzig (1825)
[6] The end of homoeopathy. Lancet. 2005;366:690
[7] Skrabanek P, Mc Cormick J. Follies and Fallacies in Medicine. Glasgow: The Terragone Press; 1989
[8] Hopff W. Homöopathie kritisch betrachtet. Stuttgart: Thieme; 1991
[9] Prokop O, Hopff W. Gibt es heute noch Schildbürgerstreiche? Schweiz MedWochenschr. 1992; 122(46):1770-1
[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Brownianismus
[11] Baas, J.H., Die geschichtliche Entwicklung des ärztlichen Standes und der medicinischen Wissenschaften. Berlin Fr Wreden, 1896
[12] Hans Selye, The Stress Of Life; McGraw-Hill Book Company, NY 1956 (http://repositorio.cenpat-conicet.gob.ar:8081/xmlui/bitstream/handle/123456789/415/theStressOfLife.pdf?sequence=1)
[13] https://www.aerzteblatt.de/archiv/48558/Nobelpreis-fuer-Medizin-Der-Bakterientrunk-lieferte-der-Fachwelt-den-Beweis
[14] http://flexikon.doccheck.com/de/Galen
[15] FOLLIES AND FALLACIES IN MEDICINE Third Edition Petr Skrabanek James McCormick TARRAGON PRESS Whithorn; 3. Auflage 1998 (http://euract.woncaeurope.org/sites/euractdev/files/documents/resources/documents/folliesandfalliciesinmedicine-thirdeditionpetrskrabanekjamesmccormick-1998.pdf)
[16] https://www.nytimes.com/2014/12/23/science/gabriele-oettingen-turns-her-mind-to-motivation-in-rethinking-positive-thinking.html
[17] https://www.krebsinformationsdienst.de/leben/krankheitsverarbeitung/psyche-und-krebsrisiko.php
[18] https://sciencebasedmedicine.org/hop-on-the-im-bandwagon/
[19] https://scilogs.spektrum.de/sprachlog/hom-pathische-sprachfallen-und-wie-geo-sie-nicht-vermeidet/
[20] http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2012/11/09/ist-wissenschaft-dogmatisch/
[21] Ein aktuelles Beispiel: http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2017/11/27/dunkle-materie-und-dunkle-energie-wurden-abgeschafft-schon-wieder/
[22] https://gwup.org
[23] www.netzwerk-homoeopathie.eu
[24] https://correctiv.org
[25] www.münsteraner-kreis.de
[26] https://medwatch.de

 

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