Wissenschaft – zwischen Dogma und Toleranz?

Zum Demarkationsproblem am Beispiel Homöopathie

Die Grenzziehung von Pseudowissenschaft und Wissenschaft, im speziellen Falle von Pseudomedizin und Medizin, ist ein ernsthaft behandeltes Problem der Wissenschaftstheorie. Man beschreibt es mit dem Begriff des „Demarkationsproblems“, auch Abgrenzungsproblem genannt.

Es geht um die scheinbar schlichte Fragestellung, was die kritisch-rational orientierte Wissenschaft von der Pseudowissenschaft trennt und unterscheidet. Karl Popper selbst war einer der ersten, die dieses Thema aufwarfen. Das war vor dem Hintergrund seiner auf Falsifikation (Falschbeweisung) beruhenden Wissenschaftsprinzips wohl zwangsläufig. Nach manchen Wegen der Diskussion in die eine wie in die andere Richtung verfestigte sich gegen Ende der 1980er Jahre eine Tendenz, das Abgrenzungsproblem als letztlich unlösbar und möglicherweise sogar sinnlos zu betrachten. Die praktischen Folgen einer solchen Kapitulation haben jedoch wieder das dringend notwendige Umdenken befördert. Heute wird von vielen Erkenntnistheoretikern die Bedeutung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung über die Trennung zwischen Pseudowissenschaft und kritisch-rational begründeter Wissenschaft wieder betont und diskutiert.

In der Tat ist das Demarkationsproblem keineswegs theoretisch-akademischer Natur. Das führt uns die „Ära des Postfaktischen“ ja nun deutlich genug vor Augen. Ob zur längst nach den Kriterien belastbarer Erkenntnis komplett widerlegten Homöopathie, bei der Unsicherheit von Eltern in der Impffrage, die nach wissenschaftlichen Kriterien auch klar entscheidbar ist oder auch bei der offensichtlichen Erstarrung bei der Frage verantwortlichen Handelns in Sachen Klimaschutz wegen offenbar unzulänglicher Rezeption der Fakten – überall sehen wir ein Hinein- und Hinüberwirken von Pseudowissenschaft in Bereiche, denen nach strengen Erkenntniskriterien längst hohe bis höchstmögliche Evidenz, also Gewissheit der gültigen Erkenntnis, zugeschrieben wird. Selbst dort, wo die Abgrenzung in großer Eindeutigkeit möglich ist, zeigt sie sich eben nicht als deutliche Grenzlinie, sondern verschwimmt zu einer breiten Grauzone. Die Ursachen sind vielfältig – ihren Ursprung haben sie durchweg in pseudowissenschaftlich „begründeten“ Gegenpositionen.

Selbst wissenschaftsaffine Teile der Öffentlichkeit werden durch diese breite Grauzone zu einer falschen Wahrnehmung verführt. Bekanntlich ist es eine Methode der Pseudowissenschaften, sich mit einem wissenschaftlichen Duktus zu umgeben, sei es in der Diktion der Kommunikation selbst, sei es durch die Berufung auf angebliche Belege (z.B. einzelne Studien) und ebensolche Autoritäten, ohne die in einer solchen Argumentationsweise liegenden vielfältigen Unsicherheiten und Probleme auch nur im Ansatz zu kommunizieren.  Im Bereich der Pseudomedizin erlebt der Autor buchstäblich täglich, manchmal geradezu im Stundentakt, wie wissenschaftlich unbelegte (vielfach widerlegte) Behauptungen mit solider Wissenschaft in den Medien konkurrieren – und oft die „Story“ auf ihrer Seite haben. Selbst der Wettlauf um Forschungsgelder und der Publikationsdruck in den Wissenschaften sind der „Flut der Pseudowissenschaft“ (Prof. David Gorski auf seinem Blog Sciencebasedmedicine) ausgesetzt. Wir brauchen also Maßstäbe, alltagstaugliche Maßstäbe, die uns alle in die Lage versetzten, wissenschaftliche Erkenntnisse von Mimikry zu trennen, Entscheidungen darüber zu treffen, was Wissenschaft, was gültige Erkenntnis ist oder nicht.

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Weit entfernt sind nun aber die Pseudomediziner selbst, im speziellen Falle die Homöopathen, davon, das Demarkationsproblem als ernsthafte Problematik wissenschaftlicher Natur zu begreifen. Sie ersetzen vielmehr eine solche tiefgehende Auseinandersetzung durch erstaunliche Postulate:

  • Den Vorwurf einer „Wissenschaftsdogmatik“ gegenüber der kritisch-rationalen Methode, umschrieben mit Scheinbegriffen wie „monoparadigmatischer Reduktionismus“ oder auch „reduktionistischer Materialismus“; als ein Weg, der zu einem wissenschaftlichen, im Ergebnis gar politischen und gesellschaftlichen „Totalitarismus“ führen soll,
  • daraus folgend einen Intoleranzvorwurf gegenüber der als gegnerische Position verstandenen „Mainstream-Wissenschaft“ und der pseudomedizinkritischen Position,
  • daraus wiederum folgend die Forderung nach „Pluralismus“ in Wissenschaft und Medizin, was meint, dass die Aussage „Der andere könnte auch Recht haben“ zum wissenschaftlichen Kriterium erklärt werden soll.

So macht man es den um Abgrenzungskriterien zwischen Pseudowissenschaft und Wissenschaft Bemühten ja eigentlich leicht, wäre da nur eben nicht wieder der Impact, die Auswirkung solcher Äußerungen auf das – oft allzu geneigte Publikum. Ein Publikum, das sozusagen auch auf der (erkenntnistheoretischen) Metaebene nicht über die Kriterien verfügt, die eine Einordnung all dessen möglich machen. So schlimm sich das für Kritiker der Pseudowissenschaft anhört, so wohltönend mag dies in den Ohren derer klingen, die sich gern mit der Forderung nach „Toleranz“ einverstanden erklären – wer sähe darin nicht zunächst etwas Positives? Aber diese „pluralistische“ Position ist nicht mehr als eine krude Mischung aus Rechthabenwollen, offenbar echtem Unverständnis von Wissenschafts- und Erkenntnistheorie (oder muss besseres Wissen doch unterstellt werden?) und dem seltsam anmutenden Versuch, Selbstkritik (nach Popper Grundvoraussetzung für eine wissenschaftliche Haltung) durch Behauptungen zu ersetzen. Letztlich ist sie eine Verunglimpfung ehrlich bemühter Wissenschaft und des ernsthaften Ringens um die Möglichkeiten menschlicher Erkenntnis.

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Jedoch sei dies entgegengehalten:

  • Wie kann ein System wie der kritische Rationalismus, das auf der ständigen Infragestellung bestehenden Wissens beruht und aus dem Verwerfen von Irrtümern Fortschritt gewinnt, dogmatisch sein? Wie kann man ein Erkenntnissystem, das sich durch eine niemals zuvor in der Geistesgeschichte dagewesene Form der Bescheidenheit durch den Verzicht auf „Wahrheitsansprüche“ auszeichnet, als „reduktionistischen Materialismus“ oder mit ähnlichen Diktionen bezeichnen?
  • Wie kann ich Toleranz zum Kriterium erheben, wenn es um Annäherung an die Wirklichkeit geht? Über bessere Methoden dazu als die heutigen, in langen Jahrhunderten mühsam gefundenen verfügen wir nicht. Seien wir froh, dass wir über die kritisch-rationalen Methoden verfügen – wie nichts Menschliches sind sie nicht in Stein gemeißelt, sind aber in der weltweiten Wissenschaftsgemeinde als gültig durchgängig anerkannt. Auch, weil seit Popper, auch nach vielfältigen Betrachtungen, weit und breit nichts in Sicht ist, das Aussicht auf eine bessere Bewährung beim menschlichen Erkenntnisstreben bieten würde. Was den Prüfsteinen des kritischen Rationalismus nicht standhält, mag als Glaubensvorstellung Toleranz beanspruchen. Aber nicht als Erkenntnis.
  • Die Forderung nach „Pragmatismus“ in der Wissenschaft ist nichts anderes als die Forderung nach der Anerkennung von Beliebigkeit. Mit diesem Begriff wird ein scheinbares Defizit der rationalen Methode suggeriert – dies geht fehl. Wissenschaft nach der kritischen Methode ist ebenso quellen- wie methodenpragmatisch, aber nicht „pluralistisch“. (Selbst der immer wieder als Zeuge für den „Wissenschaftspluralismus“ herangezogene Paul Feyerabend war kritischer Rationalist und erklärtermaßen methoden- und nicht „wissenschafts“pluralistisch.) Forderung nach „Pluralismus in der Wissenschaft“ geht noch über die Forderung nach Toleranz hinaus, denn ein solcher Pluralismus würde die Poppersche Definition der „wissenschaftlichen Erkenntnis“ aushebeln: dass wissenschaftliche Ergebnisse belegbare Erkenntnisse sind. Nicht mehr, nicht weniger. Dazu passt ein treffender aktueller Tweet von Dr. Natalie Grams, der weitere Ausführungen überflüssig macht:

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Aktuell hat der Zentralverein homöopathischer Ärzte auf seiner Webseite („Homöopathie online“) eine „Homöopathie-Deklaration“ veröffentlicht, wiederum in „Zusammenarbeit“ mit dem „Dialogforum Pluralismus in der Medizin“ und unter Beteiligung weiterer üblicher Verdächtiger, die in bestürzender Weise die Verächtlichmachung seriöser Wissenschaftlichkeit durch pseudowissenschaftliche Verbrämungen betreibt. Dies wird sicher nicht die Wirkung haben, die Homöopathie durch Worte plötzlich zu einer wirksamen Medizin werden zu lassen. Allerdings ist dies ein wunderbares Beispiel dafür, wie die Grauzone zwischen Erkenntnis (Wissenschaft) und Behauptung (Pseudowissenschaft) ein weiteres Mal mit zusätzlichem Nebel angereichert wird. Angesichts des Aufgebotes dort ist es schon eine Nebelwand.

Man könnte über diesen Vorgang hinweggehen, der sich von ähnlichen Statements eigentlich nur durch seinen eindrucksvollen Titel unterscheidet. Aber er wird seinen „Impact“ haben, und sei es nur, der Selbstvergewisserung der pseudomedizinischen Szene und als Steinbruch in allfälligen Diskussionen zu dienen. Und hier ist kein Sandkastenverein unterwegs – hier äußert sich eine Vielzahl von Akademikern.

Nutzen wir die Gelegenheit, noch einmal kurz über die menschliche Erkenntnisfähigkeit und das, was wir darüber mühsam herausdestilliert haben, zu reflektieren.

So schwierig ist das gar nicht, und die Homöopathie eignet sich gut als Exempel:

  • Nach Karl Popper gibt es nur eine Theorie der Wahrheit, die ernsthaft vertreten werden kann: die Korrespondenztheorie, die These, dass die Wahrheit (der Wahrheitsgrad) einer Aussage in ihrer Übereinstimmung mit den Fakten besteht. Nicht in der Übereinstimmung mit einer Anhäufung von Worten. Und da sieht es für die Homöopathie ganz schlecht aus, wie schon vielfach ausgeführt und belegt wurde.
  • Die Wissenschaft ist die Suche nach der Wahrheit, eine Annäherung an sie, nicht der Besitz „der“ Wahrheit. Die Vorstellung von Wahrheit als ebenso existentes wie erkennbares Absolutum ist leider weit verbreitet (das ist die Wahrheitsannahme Francis Bacons („If truth is manifest, thruth is there to be seen“), die seit David Hume und Immanuel Kant ins Wanken geriet und spätestens seit Karl Popper obsolet für wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung ist).
  • Das aber ist kein Freibrief für Beliebigkeit – ganz im Gegenteil verlangt diese Grunderkenntnis einen verantwortlichen Umgang mit Erkenntnisfähigkeit. Es scheint, als würden die „Pluralisten“ glauben, im Verzicht auf den absoluten Wahrheitsbegriff im kritischen Rationalismus eine „Schwachstelle“, ein „Einfallstor“ für ihre kruden Wissenschaftlichkeitsbegriffe gefunden zu haben – ein Missverständnis epischen Ausmaßes?
  • Insofern ist die kritische Methode dadurch gekennzeichnet, dass man nicht versucht, Hypothesen zu überprüfen (zu verifizieren – letztlich zu bestätigen), sondern zu widerlegen (zu falsifizieren). Das sollte nach den Regeln wissenschaftlicher Arbeit vom Urheber der Hypothese so weit wie möglich selbst getan werden, bevor man sich ernsthafter Kritik stellt.
  • Reine Erfahrung (Empirie) führt wegen des Induktionsproblems (jede noch so große Sammlung von reinen Erfahrungen kann durch die nächste Erfahrung widerlegt werden) nicht zu gesicherter Erkenntnis. Wie David Hume als erster verdeutlichte, halten wir Ereignisse fälschlich für Ursachen und deren Wirkungen, wenn wir sie wiederholt aufeinanderfolgen sehen, da wir dann automatisch (aufgrund dem Menschen immanenter Eigenschaften) glauben, diese Folge sei auch in Zukunft so zu erwarten. Das beste Beispiel dafür ist der post hoc ergo propter hoc-Fehlschluss, gerade in der Homöopathie – wie trügerisch er speziell dort ist, ist auch dadurch belegt, dass die scheinbar beobachteten „Wirkungen“ zwanglos durch schlüssigere, einfachere, widerspruchsfreie Erklärungen ersetzt werden konnten.
  • Und eben hieran, an der fehlenden empirischen Belegbarkeit, wird die Widerlegung des hypothetischen Grundgebäudes von Hahnemanns Methode evident. Genau deswegen, weil die Behauptung der spezifischen „Wirkung“ der Homöopathie lange nur durch Fehlschlüsse und Irrtümer aufrechterhalten bleiben konnte und längst widerlegt ist und deshalb nur scheinbar eine Stütze der hypothetischen Grundlagen darstellte („wir wissen nicht, wie sie wirkt, wir sehen aber, dass sie wirkt“).  Der Falschbeweis ist geführt, die Hypothetik der Homöopathie am Experiment gescheitert. Der empirische, induktive Teil, die „Summe der Erfahrungen“, hat sich als Luftschloss aus Selbsttäuschungen und Fehlannahmen entpuppt – und widerlegt damit auch den axiomatisch-hypothetischen Part von Hahnemanns Gedankenkonstrukt durch die Prüfung an der Realität. Ein geradezu klassisches Beispiel „Kant’scher Wissenschaft“, der Bewährung oder eben Nichtbewährung logisch-deduktiv (oder auch spekulativ) gewonnener Hypothesen durch experimentelle Überprüfung.

Lassen wir es dabei bewenden.

Nun, auf eine gewisse Weise trägt das Gezeter der Homöopathen ja auch zur weiteren Klärung des Demarkationsproblems bei – es zeigt, dass jedes Problembewusstsein, jede Selbstkritik, jede strenge Prüfmethode dort dem Absolutheitsanspruch der eigenen Position geopfert wird. Das ist immerhin auch eine Form klarer Grenzziehung.

Nein, der Auftritt auf dem Feld der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie wird der Pseudomedizin auch diesmal nicht zu mehr „Wahrheit“ verhelfen. Q.e.d.

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Zum Weiterlesen:

Pigliucci M, Bourdry M (Hrsg.), Philosophy of Pseudoscience: Reconsidering the Demarcation Problem, University of Chicago Press, 2013

Popper K, Gesammelte Werke: Band 3: Logik der Forschung, 11. Auflage, 2005

Popper K, Gesammelte Werke: Band 7: Realismus und das Ziel der Wissenschaft (Postscript zur „Logik der Forschung“), 1, Auflage 2002

Popper K, Gesammelte Werke: Band 10: Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, 2. Auflage, 2009

Baum W (Hrsg), Paul Feyerabend – Hans Albert: Briefwechsel, Band 1: (1958-1971), veränd. Neuauflage, 2008

Albert H, Plädoyer für den kritischen Rationalismus, Piper (1975)

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